"Das schweizerische
Bildungswesen wird also seit Jahren von internationalen Organisationen
beeinflusst und nach deren Vorgaben umgekrempelt. Der Lehrplan 21 passt
sich nahtlos in das Bildungskonzept von OECD und EU ein, welche die
Bildung weltweit gleichschalten wollen. Er beinhaltet nichts
Eigenständiges, was schon alleine daran deutlich wird, dass er mit den
gleichen Worthülsen daher kommt wie ähnliche Projekte in unseren
Nachbarländern Deutschland und Österreich."
Wollen wir das wirklich?
Überlegungen zu den Grundlagen des Lehrplans 21
von Dieter Sprock
Die Konsultation zum Lehrplanentwurf wurde Ende
2013 abgeschlossen. Nun wird der Entwurf überarbeitet, doch an seinem
Konzept wird sich dabei kaum etwas ändern, wenn wir das nicht energisch
fordern. Obwohl mit dem Lehrplan 21 wichtige Weichen für die Zukunft
unserer Kinder und des ganzen Landes gestellt werden, wurde sein Konzept
bisher nur wenig diskutiert, und das gilt es nachzuholen.
Bei einem
Projekt von so weitreichender Bedeutung wie dem Lehrplan ist es
unumgänglich, dass seine Grundlagen und Ziele offen dargelegt und breit
diskutiert werden, damit die Stimmbürger sich eine eigene Meinung dazu
bilden und selber entscheiden können, ob sie diesen Lehrplan wirklich
wollen. Ein solches Vorgehen gehört zu den selbstverständlichen
demokratischen Gepflogenheiten unseres Landes.
Die Lehrplanmacher rechtfertigen sich gerne mit dem
Verweis auf Artikel 62 der Bundesverfassung, dem sogenannten
Bildungsartikel, der eine Harmonisierung des Volksschulwesens verlangt
und dem das Schweizervolk 2006 zugestimmt hat. Dieser sieht aber
lediglich eine Harmonisierung «des Schuleintrittsalters, der
Schulpflicht, der Dauer und Ziele der Bildungsstufen, deren Übergänge
sowie die Anerkennung von Abschlüssen» vor und rechtfertigt keine
vollkommene Neuausrichtung der Volksschule.
Beim Lehrplan 21 handelt
es sich nicht, wie es offiziell heisst, um eine Harmonisierung von 21
Lehrplänen, sondern um eine tiefgreifende Veränderung aller Lerninhalte
und der Unterrichtspraxis. Mit seiner Orientierung «am Kompetenzaufbau
des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens» (LP21, Sprachen S. 12), an
Pisa und den Theorien des Konstruktivismus (dazu weiter unten mehr)
bricht er mit unserer bewährten europäischen Bildungstradition und
verändert die Volksschule von Grund auf.
Von einer guten Schule …
Die Volksschule hat die Aufgabe, die menschlichen
und geistigen Fähigkeiten der heranwachsenden Generation zu entwickeln,
sie auf ihre Weiterbildung und das Berufsleben vorzubereiten und sie zu
mündigen Bürgern heranzubilden, die einmal fähig sind, ihren Platz in
der Gesellschaft aktiv und verantwortungsvoll auszufüllen. Die Schweizer
Volksschule hat diesen Auftrag in der Vergangenheit hervorragend
erfüllt.
Der Lehrerberuf genoss in der Schweiz hohes Ansehen, die
Volksschule war in allen Bevölkerungsschichten sehr gut verankert und
akzeptiert. Sie hat nicht nur den Boden für spätere wissenschaftliche
Leistungen gelegt, sondern auch massgeblich zum Erhalt der direkten
Demokratie beigetragen. Sie hat die Kinder auf ihre Aufgaben als Bürger
vorbereitet.
Die demokratische Verankerung unserer Volksschule auf
Kantons- und Gemeindeebene war weltweit einzigartig. Eine vom Volk
gewählte Schulpflege hat die Kontrolle ausgeübt und sichergestellt, dass
alles seine gute Ordnung hatte.
… über «neue» Lernformen zum Bildungsabbau
Natürlich kann auch eine gute Schule sich nicht auf
dem Erreichten ausruhen; es gibt immer vieles zu verbessern und
weiterzuentwickeln. Doch gab es keinen Grund, alles Bewährte in Frage zu
stellen und die Schule von Grund auf umzukrempeln, wie dies in unserem
Land geschehen ist. Um den Boden für die Zerstörung dieses bewährten
Schulsystems vorzubereiten, wurde die Volksschule zunächst jahrelang als
extrem rückständig und überholt gebrandmarkt und das Ansehen der Lehrer
systematisch untergraben. In Zeitungen, Radio und Fernsehen, ja selbst
in den Lehrerseminaren wurde der Eindruck verbreitet, die Schule sei
nicht mehr zeitgemäss. Dann löste eine Reform die andere ab.
Besonders
scharf wurde der lehrergeführte Klassenunterricht attackiert und
abwertend als «Frontalunterricht» bezeichnet. «Neue» individualisierende
Lernformen wie Werkstatt-, Wochenplan-, jahrgangsübergreifender
Unterricht und selbstentdeckendes Lernen wurden propagiert. Es sei
unmöglich, behaupteten die Propagandisten, dass Schüler zur gleichen
Zeit Gleiches lernen könnten, ohne Schaden zu nehmen, dafür hätten sie
viel zu unterschiedliche Bedürfnisse, Fähigkeiten und Kenntnisse. Um
ihre Behauptung zu untermauern, verglichen sie völlig absurd die
Unterschiede zwischen den Schülern einer Klasse mit jenen zwischen
verschiedenen Tierarten wie Vögeln, Hunden, Affen und Elefanten.
Unter
dem Vorwand, die Schule und die Schulaufsicht müssten
professionalisiert werden, wurden massive Eingriffe in ihre
demokratische Verankerung vorgenommen. Wichtige Aufgaben wurden von den
gewählten Schulpflegen auf «professionelle» Akteure übertragen. Nach
betriebswirtschaftlichem Vorbild wurden Schulleiter eingesetzt und
Fachstellen für Schulbeurteilung gegründet, welche die Aufgabe hatten,
die Reformen umzusetzen, auch gegen den Rat der erfahrenen Lehrer.
Versprechen und Wirklichkeit
Versprochen wurden blühende Lernlandschaften, mehr
Freude an der Schule und ganzheitliche, individuelle Förderung. Geworben
wurde mit positiven Begriffen wie «Lernen lernen», «Lernen im Team» und
«Lernen sozialer Kompetenzen», mit «Schlüsselqualifikationen»,
«ganzheitlichem Denken», «Autonomie», «Öffnung der Schule» und anderen
mehr. Doch die Realität sieht anders aus.
In Wirklichkeit lernen die
Kinder immer weniger. Sie sind in der Schule oft auf sich alleine
gestellt und arbeiten nach einem eigenen Programm, jedes für sich.
Darunter haben vor allem die schwächeren Schüler zu leiden! Während sie
im Klassenunterricht von einem erfahrenen Lehrer und der
Klassengemeinschaft aufgefangen werden konnten, haben sie beim
individualisierten Lernen keine Chance; alleingelassen resignieren sie
häufig. Sie geraten schnell in die Spirale von Abklärungen, Diagnosen,
Lernzielbefreiung und medikamentöser Behandlung mit gravierenden Folgen
für ihr Leben. Aus Schülern, die vielleicht etwas schwächer sind und
mehr Anleitung bräuchten, werden Patienten gemacht. Inzwischen gehört
beinahe zu jedem Schulhaus ein ganzes Team von sozialtherapeutisch
tätigen Fachleuten.
Zweifellos gibt es Schüler, die unter allen
Umständen lernen oder im Alleingang sogar Klassen überspringen können.
Sie schwingen im gnadenlosen Wettbewerb obenauf, wobei es bei genauerem
Hinsehen auch ihnen oft an soliden Grundlagen und vor allem an sozialer
Verbundenheit fehlt.
Die verheissene «Öffnung der Schule» erweist
sich immer mehr als Diktatur einer Ideologie, mit der in unseren
Volksschulen das Lernen erschwert, wenn nicht gar verhindert wird. Viele
Eltern sind verzweifelt, weil ihre Kinder in der Schule nicht mehr
mitkommen und die Freude verlieren. Oft verstehen selbst die gebildeten
unter ihnen die komplizierte Aufgabenstellung in den chaotischen
Lehrmitteln nicht. Lehrmeister klagen über mangelhafte Deutsch- und
Mathematikkenntnisse der Bewerber, einige seien nicht einmal darauf
eingestellt, etwas zu lernen, und es fehle die notwendige
Arbeitshaltung. Nach neun Schuljahren sind immer mehr Jugendliche nicht
in der Lage, eine einfache Bedienungsanleitung zu lesen und zu
verstehen. Sie haben nur noch geringe oder keine Kenntnisse über die
Geschichte unseres Landes und die Bedeutung der direkten Demokratie. Die
weiterführenden Schulen müssen die fehlenden Grundlagen mit aufwendigen
Förderkursen nachholen, oder ihre Anforderungen drastisch senken.1
Zu den Grundlagen des Lehrplans 21
Der Lehrplan 21 setzt diese verheerende Entwicklung
fort und verpflichtet die 21 Deutschschweizer Kantone dazu, in die
gleiche Richtung weiterzumarschieren. Zu seinen theoretischen Grundlagen
gehören – wie die Verfasser selber sagen – der Konstruktivismus und die
Ausrichtung auf Pisa-Vorgaben, die beide bereits bei der Umkrempelung
der bewährten Volksschule federführend waren.
Mit Konstruktivismus das Lernen verhindern
Konstruktivismus ist ein Sammelbegriff für
verschiedene philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts. Die meisten
und besonders die radikaleren Ausprägungen gehen davon aus, dass der
Mensch nicht in der Lage sei, die Realität objektiv zu erkennen, und
jeder seine eigene Wirklichkeit konstruiere. Folglich seien Aussagen
über die tatsächliche Beschaffenheit der Welt nicht möglich. Ebenso
könne es keine allgemeingültigen Werte und Erziehungsziele geben, denn
jeder habe seine eigene Wahrheit.
Das Kind, wird behauptet, sei vor
allem auf sich selbst bezogen, es entwickle sich «wesentlich aus sich
selbst heraus, aus dem, was in seinem eigenen Inneren vorhanden ist»; es
konstruiere sich weitestgehend selbst. Nicht die es umgebende Welt und
seine zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern: «Das Gehirn erweist
sich nach dieser Theorie als der entscheidende Konstrukteur von
Wirklichkeit.» (nach Ahrbeck 2004, S. 85f.) Bei Schwierigkeiten stehen
folglich nicht mehr das Kind mit seinem komplexen Beziehungsnetz und
seinen persönlichen Gedanken und Gefühlen im Zentrum, sondern seine
Hirnfunktionen. Diese Theorie findet in den Diagnosen zahlloser nervöser
Kinder und ihrer Behandlung mit Psychopharmaka ihren Niederschlag.2
Auf
die Schule übertragen heisst das: Wenn keine Aussagen über die
tatsächliche Beschaffenheit der Welt möglich sind, macht es keinen Sinn,
diese Beschaffenheit zu unterrichten. Der Unterricht wird seines
Inhalts entleert. «Bereitschaften, Haltungen und Einstellungen» werden
als Ersatz für Inhalte um so wichtiger. Das Kind muss die Welt nicht
mehr verstehen, es reicht, wenn es sich darin zurechtfindet und bewegen
kann. Es «entdeckt die Welt durch sein Handeln». Die traditionelle
Wissens- und Wertevermittlung wird durch simple Handlungskonzepte und
einfache Fertigkeiten ersetzt, die im Lehrplan grossspurig Kompetenzen
genannt werden.
Lehrer und Erzieher werden zu Begleitern einer
Entwicklung, die durch «die Eigengesetzlichkeit der Heranwachsenden»
bestimmt wird. Ihre Aufgabe ist es, Lernangebote bereitzustellen, aus
denen die Kinder auswählen, die sie aber auch verändern oder ablehnen
können. Vom Lehrer wird verlangt, dass er sich weitgehend zurückhält und
dem Kind die Verantwortung für seine eigene Entwicklung überlässt.
Der
Lehrplan 21, der die Schule nach dieser abstrusen Vorstellung vom
Menschen umbauen will, bricht radikal mit dem europäischen
Bildungsverständnis und seinem personalen Menschenbild. Der Mensch wird
auf ein «sich selbststeuerndes System» reduziert. Die Realität und die
zwischenmenschliche Dimension des Lebens und Lernens werden weitgehend
ausgeblendet. Und Bildung verkommt zu einer Sammlung banaler
Kompetenzen, die gemessen und abgehakt werden können, aber mit echter
Kompetenz im Sinne der europäischen Bildungstradition nichts zu tun
haben.
Die Lerninhalte auf Pisa ausrichten
Auf Drängen der US-Regierung unter Präsident Reagan
hat die OECD in den achtziger Jahren standardisierte Tests entwickelt,
die heute als Pisa-Tests bekannt sind. Ihr Ziel war es, die
Bildungspolitik der einzelnen Gliedstaaten, die sich gegen eine
Zentralisierung sträubten, unter Kontrolle zu bringen.
Heute dient
Pisa dazu, weltweit die Bildungspolitik souveräner Staaten nach
OECD-Normen zu steuern. Pisa misst nicht, wie allgemein angenommen, die
Qualität der Bildung, sondern steuert diese und bestimmt so ihre
Inhalte; die Kinder lernen für den Test. Pisa war von Anfang an nichts
anderes als ein politisches Steuerungsinstrument.3
Die
ersten Tests lösten europaweit (medienunterstützt!) eine Flut von
Reformen aus. Inzwischen ist Pisa über die Bildungsverwaltung auch in
der Schweiz zu einem wichtigen Steuerungsinstrument geworden.
Wie EU und OECD die Schweizer Bildungspolitik steuern
An der Universität Bremen wurde 2010 im
Sonderforschungsbereich «Staatlichkeit im Wandel» eine Studie
publiziert, welche den Einfluss internationaler Organisationen, vor
allem der OECD und der EU, auf die Schweizer Bildungspolitik untersucht.
Der Fokus liegt dabei auf dem Bologna-Prozess, welcher von der
EU-Kommission vorangetrieben wurde, und der Pisa-Studie der OECD.
Die
Resultate zeigen kurz zusammengefasst, einen «unerwartet hohen
Einfluss» der internationalen Organisationen auf die Gestaltung der
schweizerischen Bildungspolitik. Es sei gelungen, die «innerstaatlichen
Leitideen der Bildung» so zu modifizieren, dass sie denen von OECD und
EU entsprächen. Bei diesem Prozess hätten gewisse «nationale Akteure»
die internationalen Initiativen wie Pisa und Bologna «strategisch»
genutzt. Die «Vetospieler und kulturellen Leitideen der Schweiz» hätten
dies erstaunlicherweise nicht verhindern können. Die «Transformation der
Schweizer Bildungssouveränität» sei ein Vorbild für den politischen
Wandel in anderen Ländern!4
Das schweizerische
Bildungswesen wird also seit Jahren von internationalen Organisationen
beeinflusst und nach deren Vorgaben umgekrempelt. Der Lehrplan 21 passt
sich nahtlos in das Bildungskonzept von OECD und EU ein, welche die
Bildung weltweit gleichschalten wollen. Er beinhaltet nichts
Eigenständiges, was schon alleine daran deutlich wird, dass er mit den
gleichen Worthülsen daher kommt wie ähnliche Projekte in unseren
Nachbarländern Deutschland und Österreich.
Wem dient der Lehrplan eigentlich?
Vor diesem Hintergrund stellt sich zwingend die
Frage, wem der Lehrplan eigentlich dient: Unseren Kindern oder der
Erfüllung von OECD- und EU-Standards? Oder will er etwa auf eine
Gesellschaft vorbereiten, in der nur 20 Prozent der Menschen gebraucht
werden, um die Wirtschaft in Gang zu halten, und der Rest nur noch
irgendwie genährt und unterhalten werden muss, wofür dann einfache
Handlungskompetenzen ausreichen?
Wohin der konstruktivistische
«Aufbruch in neue pädagogische Welten» führt, ist bekannt. Opfer sind
vor allem jene Kinder, die zu Hause keine Unterstützung bekommen, sei
es, weil die Eltern sie nicht geben können oder das Geld für teure
Nachhilfestunden fehlt. Wollen wir diesen Ansatz wirklich zur Grundlage
unserer Volkschule machen?
Der Mensch ist kein «sich selbst
steuerndes System». Er ist von seiner Natur her auf den Mitmenschen und
die Zusammenarbeit ausgerichtet. Seine menschlichen und geistigen
Fähigkeiten entwickeln sich im Austausch mit anderen und der aktiven
bewussten Auseinandersetzung mit der Welt. Unterrichten und Lernen haben
eine starke zwischenmenschliche Komponente.
Kinder entwickeln sich
nicht «aus sich selbst heraus». Selbstentdeckend, durch Handeln,
entwickeln sie nur eine begrenzte und vor allem selbstbezogene Sicht auf
die Welt. Um den Blick zu erweitern und das Verständnis für tiefere
Zusammenhänge zu legen, braucht es Vermittlung, die sich sinnvollerweise
auf die bereits vorhandenen Erkenntnisse unserer Vorfahren stützt. Das
Rad muss nicht jeder neu erfinden.
Ein gut geführter
Klassenunterricht, der selbstverständlich Gruppen- und Einzelarbeiten
einbezieht, bietet dazu die ideale Grundlage. Die gemeinsame von einem
Lehrer geleitete Erarbeitung erhöht die Freude am Lernen, sie bietet
auch schwächeren Schülern eine Chance und hilft ganz wesentlich, das
Gelernte zu festigen. Sie liefert eindeutig die besten Resultate und
fördert erst noch auf ganz natürliche Weise das Gemeinschaftsgefühl.5
Die
Behauptung, eine solche Schule sei nicht mehr zeitgemäss, hat sich als
gezielter Akt der Manipulation entpuppt. Inzwischen hat auch die
Wirtschaft erkannt, dass die vielbeschworene «Wissensgesellschaft» nicht
weniger, sondern mehr solides Grundlagenwissen braucht.
Kinder
wollen die Welt verstehen lernen und haben ein Recht darauf, dass die
Schule ihnen dazu verhilft. Es geht nicht an, dass die Schule ihre
Bildung auf simple Handlungskompetenzen reduziert und sie sich selbst
überlässt. Wollen wir der weiteren Zerstörung unserer Volksschule
wirklich noch länger tatenlos zuschauen? •
1 Ausführlicher in «Was ist mit unserer Schule
los. 25 Jahre Schulreform in der Schweiz», von Dr. Alfred Burger,
Schulleiter und Pädagoge. Die Broschüre ist über die Redaktion noch
erhältlich.
2 Mehr zu den Auswirkungen des radikalen Konstruktivismus
in der Pädagogik in «Kinder brauchen Erziehung. Die vergessene
pädagogische Verantwortung» von Prof. Dr. Bernd Ahrbeck, 2004. Er lehrt
an der Humboldtuniversität in Berlin am Institut für
Rehabilitationswissenschaften mit dem Schwerpunkt
Verhaltensgestörten-Pädagogik
ISBN 978-3-170-17973-8
3 Nachzulesen
bei Roman Langer, Warum haben die PISA gemacht, in Langer, R. (Hg.)
2008: Warum tun die das? Governanceanalysen zum Steuerungshandeln in der
Schulentwicklung
ISBN 978-3-531-15807-5
4 http://www.sfb597.uni-bremen.de/homepages/bieber/arbeitspapierBeschreibung.php?ID=159&SPRACHE=de&USER=bieber , eine deutsche Übersetzung befindet sich auf der Homepage des Schulforums Schweiz unter www.schulforum.ch
5 Weiterführend «Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule» von Michael Felten, 2010
ISBN 978-3-357-9068-824
(Zeit-Fragen Nr. 14 vom 1.7.2014 )
Schule, Lehrplan 21 und staatspolitische Verantwortung
Unsere grossartigen technischen Erfindungen,
Bauwerke und unser Wohlstand entstanden dank unserer hervorragenden
Ingenieure, Handwerker und unserer ausgewogenen Volkswirtschaft. Dies
wurde an ganz traditionellen Schulen, mit ausgezeichneten Schulbüchern
und mit einfachsten Mitteln erarbeitet. Sinn- und massvolle Erneuerungen
wurden immer nach pädagogischen Kriterien vorgenommen, und die
Bevölkerung war immer bereit, für gute Schulen das Notwendige
aufzubringen. Im kantonalen Schulgesetz über die Volksschule des Kantons
Thurgau vom 29. August 2007 ist der gültige Bildungsauftrag klar
formuliert: «Die Volksschule fördert die geistigen, seelischen und
körperlichen Fähigkeiten der Kinder. In Ergänzung zum Erziehungsauftrag
der Eltern erzieht sie die Kinder nach christlichen Grundsätzen und
demokratischen Werten zu selbständigen, lebenstüchtigen Persönlichkeiten
und zu Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Mitmenschen.»
Mit
dem zentralistischen «Lehrplan 21» soll nun ein Paradigmenwechsel
vorgenommen werden, der zum grössten Schul- und Bildungsabbau unseres
Landes führen wird. Mit «Harmonisierung» war keineswegs ein Totalumbau
unseres Schulwesens gemeint!
Schon nach der Aufhebung der bewährten
Lehrerseminare wurde mit allem bisher Bewährten gebrochen, die
Pädagogischen Hochschulen haben das bewährte Schweizer Schulmodell
verlassen. Sie haben weitgehend angloamerikanische und ökonomistische
Modelle übernommen. Vieles wurde auch aus unserem Nachbarland mit den
EU-Programmen importiert (Kompetenzen, Konstruktivismus,
Individualisieren und selbstorganisiertes Lernen, Evaluation)!
Es
darf nicht weiter zugelassen werden, dass unsere Kultur der
europäischen, humanistischen Bildungstradition und Wertehaltungen diesen
Entwicklungen geopfert wird. Das wichtige Fach Geschichte existiert
nicht mehr als eigenständiges Fach im LP 21! Einem Grossteil der
Schülerschaft fehlen heute, nach neun Schuljahren und all den unsinnigen
Reformen, zahlreiche nötige Grundfähigkeiten und -kenntnisse.
Der
Lehrplan wurde nicht mit den Lehrbetrieben abgestimmt, und kein
Berufsverband wurde einbezogen! Die Elternschaft, die Lehrmeister, die
KMU und Berufsschulen beklagen diese unhaltbaren Zustände seit Jahren.
Nun soll die Schülerschaft auf den Einsatz im Grossraumbüro mit
computerisiertem, standardisiertem Wissen und operationalisierten
Bewertungsstrategien trainiert werden. Schnell abrufbares Wissen, im
Sinne des «Input-Output-Modells», und zu wissen, wo man nachschauen
kann, hat aber nicht mehr viel mit Bildung zu tun. Das hat unsere Jugend
und unser Land nicht verdient. Schule muss sich nicht dem Zeitgeist
anpassen, sie sollte gerade da und dort Gegensteuer geben und mehr
Ganzheitlichkeit, Konzentration und «Entschleunigung» fordern. Natürlich
sollen neue Medien mass- und sinnvoll eingesetzt werden. Aber
Bescheidenheit ist eine wichtige Tugend. Wer zahlt all die zu
erwartenden enormen Kosten durch den LP 21 mit den teuren
Informatikanschaffungen und die Um- und Neubauten der Schulhausanlagen
und Schulräume zu «Lernlandschaften»? Die Politik, die Elternschaft und
das Gewerbe sind gut beraten, keine weiteren Experimente mit dem
Schulsystem zuzulassen, sondern die Rückbesinnung auf das Bewährte mit
den notwendigen Verbesserungen zu fordern. Für den Erhalt unseres
Staatsmodelles der direkten Demokratie und unsere Volkswirtschaft, aber
auch für unsere humanitäre Verantwortung ist eine anspruchsvollere
Bildung und bessere Bildungsstrategie notwendig. Es sollen
Persönlichkeiten heranreifen, welche die kommenden schweren und
komplexen Aufgaben der globalisierten Welt meistern können.
Urs Knoblauch, Fruthwilen
(Leserbrief aus Zeit-Fragen)