06.08.16

Wagen wir zu denken! – Ein geostrategischer Aufruf.

von KR ÖR HonProf. DI. DrHeinrich Wohlmeyer https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Wohlmeyer )


Immanuel Kant hat den Europäern das sapere aude (!) gleichsam ins Stammbuch geschrieben. Mündige Menschen sollen/müssen sich des eigenen Verstandes bedienen und sich nicht von Dritten manipulieren lassen.
Im Angesicht des gegenwärtigen geopolitischen Geschehens, das das Risiko eines alle bisherigen Zerstörungen in Schatten stellenden Dritten Weltkrieges am Boden Europas in sich trägt, sollten wir uns an dieses Vermächtnis eines der größten Philosophen, dessen Vaterstadt im Zweiten Weltkrieg fast vollkommen zerstört worden ist, erinnern.[1]
Einer der eindringlichsten Warner ist der emeritierte kanadische Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Ottawa
Michel Evgenij Chossudovsky[2]. Er meinte vor kurzem in einem Interview, ob denn die Europäer ganz von Sinnen seien, weil sie sich als kommendes Kanonenfutter für die imperialen Pläne der USA einspannen lassen; denn ein Dritter Weltkrieg würde sich wieder in Europa abspielen. Dass diese Warnung nicht von der Realität abgehoben ist und dass wir den Dreischritt bedenken-benennen-bewegen wagen müssen, wenn wir nicht unmündig untergehen wollen, mögen die folgenden Zeilen darlegen.
Die USA sind die ‚Erben‘ der Geomacht England (GB), die ob der Unterschätzung der Kosten des Ersten Weltkrieges und die Hilfsbedürftigkeit im Zweiten Weltkrieg, die Weltmacht schrittweise an die USA abgeben musste.
Die USA haben nun 5.400 Militärbasen und davon 800 im Ausland. Diese vor allem auf der See- und Luftmacht basierende Weltbeherrschungsstrategie hätte ausgedient, wenn es zu einer Vereinigung von Westeuropa – insbesondere von Deutschland – mit Russland käme. Die ‚Eurasien‘ würde vom Atlantik bis zum Pazifik reichen und würde durch die Vereinigung der westeuropäischen Wirtschafts- und Wissenschaftsdynamik mit dem russischen Industrie-, Landwirtschafts- und Rohstoffpotential die Vormacht der Welt sein. Die ersparten Militärkosten würden diesen Vorteil noch vergrößern.
Es geht daher seit dem Ersten Weltkrieg um die Verhinderung eines Zusammenschlusses von Westeuropa und Russland. Sir Halford John Mackinder hat dies in seiner Schrift The
Geographical Pivot of History (1904) festgehalten, die noch immer unter den Standardlehrbüchern der US National Defence University (NDU)[3] zu finden ist. Seine Heartland Theory besagt, dass jene Macht, die Osteuropa direkt oder indirekt kontrolliert und eine Verbindung mit Russland verhindert, das geopolitische ‚Drehscheibengebiet‘ (pivot area) beherrscht. Ein Epigone ist der noch immer aktive (insbesondere im gegenwärtigen Ukrainekonflikt) Präsidenten- und Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński. In seinem 1997 erschienen Buch über Amerikas Strategie der Vorherrschaft,  The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, betont er dass die angestrebte ‚neue Weltordnung‘ unter Führung der USA nur möglich ist, wenn das ‚Schachbrett‘ Eurasiens beherrscht wird.[4]
Die derzeitige US-Politik und ihrer Vasallen (Diktion Brzeziński
) folgt genau diesen Maximen. Anstatt mit Russland zu kooperieren, versucht man dieses mittels völkerrechtlich ungerechtfertigten Sanktionen handelspolitisch zu destabilisieren und zu einer Bedrohung Europas aufzublasen. Hierbei geht es nicht nur um das Weltmachtkalkül sondern vor allem um die Land- und Rohstoffreichtum Russlands. Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright hat letzteres klar benannt. Sie sagte (von Autor gehörtes Interview), dass es unerträglich sei, dass ein Land über dieses Ausmaß an Rohstoffreserven verfüge.
Wir sollten aber gemäß dem genannten Dreischritt noch einen Blick auf die Genese des aktuellen US-Konfliktes mit Russland werfen.
Wir hatten in Österreich das Privileg, dass über das IIASA, das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse, zur Zeit des eine Vertrauensbrücke zur östlichen Wirtschaft und Wissenschaft bestanden hat. Der ökonomische Chef-Berater von Präsident M. Gorbatschow Stash Shatalin pflegte informellen Kontakt zu den ‚westlichen‘ Wissenschaftlern im IIASA. Diese rieten zu einer vorsichtigen Reform unter dem Motto ‚langsam mit den warmen Füßen ins kalte Wasser‘. Es sollten zuerst nur das Kleingewerbe (insbes. Reparatur- und Instandhaltung) und Teile der Landwirtschaft (insbes. der stadtnahe Gemüsebau) privatisiert werden. Der Verkehr und die Großindustrie müssten mit sozialen Rücksichtnahmen und behutsam umgebaut werden, zumal weder ausreichend geschulte Buchhalter und Betriebswirte noch Wirtschaftsprüfer zur Verfügung stünden.
Kaum hatten jedoch die USA von diesen Kontakten erfahren, drängten sie auf den Austausch der Leitung des IIASA, und die Beratung wurde auf ‚market economy without prefix‘ (sprich: ‚Brutal-Privatisierung‘) umgestellt. Hierzu erhielten junge intelligente russische Kooperanden die notwendigen finanziellen Mittel, um die Schlüsselindustrien und Rohstoffvorkommen aufzukaufen.[5]
Unter dem Alkoholiker Präs.
Boris Nikolajewitsch Jelzin hatte diese Strategie leichtes Spiel. Als jedoch Wladimir Wladimirowitsch Putin an die Macht kam, der den US-West-Strategen in taktischer und strategischer Schlauheit ebenbürtig ist, wurde der Ausverkauf nicht nur gestoppt, sondern durch Gerichtsverfahren (Steuerbetrug etc.) z. T. auch rückgängig gemacht. Daraufhin wurde Putin der erklärte Erzfeind des westlichen Großkapitals und seiner Schutzmacht.[6]
Gegenwärtig wird die systematische Einkreisung und der Versuch der Entmachtung Russlands betrieben. Das Vorrücken der NATO an die russischen Grenzen, das Errichten von Raketenstellungen an diesen und das Abhalten von Manövern wird allgemein registriert. Viel bedeutsamer ist jedoch die bereits angekündigte und budgetär beschlossene Erneuerung der Atomwaffen in Europa mit neuen Lenkköpfen. Dies muss Deutschland dulden, weil der Aufenthaltsvertrag[7], der das Besatzungsregime fortsetzt, weiterhin aufrecht ist.[8]  Weil bei der Vollendung dieser atomaren Einkreisung Russland trotz seines entwickelten Perimeter Systems (auch Dead Head System genannt)[9] praktisch wehrlos sein würde, besteht die Gefahr eines überraschenden Befreiungsschlages Russlands, der die atomaren Stellungen in Deutschland überrollt. Hierbei würden die Russen bewusst keine Atomwaffen einsetzen, um kontinentalen Schaden zu vermeiden und künftige Partner zu schonen. Auch würden sie damit rechnen, dass Frankreich und England ihre Atomwaffen nicht einsetzen würden. Die Ausrüstung von sechs modernen Panzerdivisionen (private Information) mit modernsten elektronischen Abwehreinrichtungen deutet auf dieses Szenario hin.
Dass die USA und deren Verbündete dann doch mit einem ferngelenkten, drohnengestützten Atomschlag antworten würden, ist zu erwarten. Dies alles bedeutet aber die Vernichtung eines Großteils Europas.[10]
Wenn man diese Gefahr erkennt, dann ist es Pflicht diese zu benennen und die gefährdeten Mitbürger zum Dagegen-Aufstehen zu bewegen.
Das noch immer gesetzlich immerwährend neutrale Österreich könnte zusammen mit der Schweiz, die der Intervention Russlands beim Wiener Kongress ihre neutrale Existenz verdankt, eine mutige Initiative gegen den Kriegswahn des ‚Noch-Hegmons‘ unternehmen und das Bild einer USA, eines Frankreichs und eines Englands entwerfen, in dem diese geachtete Partner der Weltgesellschaft, statt verhasste Intervenienten sind. Das drohende unsägliche Leid und die nicht verantwortbare Zerstörung von Kulturgut sollten uns von den Sesseln des bequemlichen Anpassens reißen, und der Mut und die Empathie eines Henry Dunant sollte Pate stehen.
Ich konnte in diesem Beitrag nicht auf die übrigen vom Zaun gebrochenen einkreisenden Konfrontationen mit Russland eingehen (insb. Syrien, Tschetschenien, Ukraine), weil dies den vorgegebenen Rahmen sprengen würde. Die folgenden Worte des Staatvertragskanzlers Julius Raab sollten wir allerdings beherzigen: „Den russischen Bären sollte man nicht unnötig in den Schwanz zwicken“ (siehe Sanktionen und Bedrohungsszenarien) und „Ein kranker Bär ist gefährlicher als ein gesunder.“
Es konnte auch nicht auf die Paralyse Europas durch die ‚Waffe Massenimmigration‘ und die nicht mehr wegzuleugnende Bedrohung durch den ‚Eroberungsislam‘ eingegangen werden. Für all diese Problemfelder gilt jedoch eines: Wenn wir nicht glaubwürdig und überzeugend zu den geistigen Wurzeln der europäischen Kultur zurückkehren, die vor allem im praktizierten und gesellschaftlich ausgeformten Christentum liegen, werden wir scheitern und überrannt werden.
Damit kehre ich zu Immanuel Kant zurück. Sein kategorischer Imperativ [11] ist die philosophische Form der ‚Goldenen Regel‘ (Im Volksmund: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu.). Er ist der nüchterne philosophische Abklatsch des zentralen Liebesgebotes des Christentums.
Wenn wir uns nicht trauen, die Nächstenliebe wieder in die Geopolitik zu tragen und so Vertrauen und Auf-einander-Zugehen zu schaffen, werden wir scheitern. Sachkenntnis ist erforderlich – aber nicht zureichend.      





[1] Ich selbst durfte als post graduate in der Bibliothek des University College London die dort erhaltene vollständige Ausgabe der Schriften des Königsberger Gelehrtenkreises benutzen.
[2] M. E. Chossudovski ist der Sohn eines UN-Diplomaten und hat umfassende internationale Erfahrung. Er wurde zu einem der heftigsten Kritiker der US-Kriegspolitik (siehe Buch The Globalization of War, America’s Long War against Humanity, Centre for Research on Globalization, 2015).

[3] Die Zielsetzung dieser Institution ist insbesondere: The National Defense University (NDU) supports the joint warfighter by providing rigorous Joint Professional Military Education to members of the U.S. Armed Forces and select others in order to develop leaders who have the ability to operate and creatively think in an unpredictable and complex world. – also die Militärstrategen mit den Zielen der Geopolitik vertraut machen.
[4] Die militant antirussische Haltung Brzezińskis lässt sich auch dadurch erklären, dass er Pole ist, der weder das russische Massaker von Katyn (1940) noch die Gebietsverluste Polens im Osten vergessen hat.  Allerdings vergisst er die russischen Revanchetendenzen bezüglich des Russisch-Polnischen-Krieges von 1919 – 1921. Im Frieden von Riga musste die Sowjetunion massiven Gebietsabtretungen zustimmen.  
[5] Der dahinter stehende ‚Deal‘ des westlichen Großkapitals mit den ‚Oligarchen‘ wurde erst durch spätere Streitereien offenkundig, weil sich die informellen Treuhänder nicht an getroffene Vereinbarungen gehalten haben.
[6] Parallelen zur gewaltsamen Absetzung  der unbotmäßigen Diktatoren im Irak und in Libyen, sowie der diesbezügliche Kampf in Syrien sind erkennbar.
[7] Vertrag über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Oktober 1954 (BGBl. 1955 II S. 253)
[8] Der Vertrag blieb neben dem <2 ertrag=""> bestehen. Er ist unter Einhaltung einer zweijährigen Frist kündigbar. Dies ist jedoch bislang nicht erfolgt und offenbar auch nicht beabsichtigt.
[9] Dieses Abwehrsystem löst den atomaren Gegenschlag automatisch aus (auch wenn die Kommandozentralen vernichtet sein sollten – daher ).
[10]Dieses Scenario deckt sich mit der Gesichten des bayerischen Hellsehers Alois Irlmaier (1894 – 1959) der einen Überraschungsangriff mit drei Panzerkeilen, die bis zum Rhein kommen, sah … und das Abwerfen einer Waffe, die er damals nicht kennen konnte hinter den russischen Linien („die Panzer fahren noch, aber die darin sitzen sind schon tod“ – also ein Neutronen-Bomben-Korridor) … und dann kommt es zur zerstörerischen Verzweiflungsschlacht (Zitiert in  Anton Angerer, Das steht der Welt noch bevor, Mediatrix-Verlag 2014.).
[11] „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

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