31.01.12

Merkozy, Goldman Sachs und das „andere“ Europa

Referat von Jürgen Elsässer auf der deutsch-französischen Euro-Konferenz von „Horizons et Débats“ am 28. Januar in Paris

Das Goldman Sachs-Verschwörung
Die amerikanische Privatbank hat ihre Gewährsleute an den Kommandopositionen unserer Geldpolitik platziert: an der Spitze von Europäischer Zentralbank und vom Euro-Rettungsschirm.
Die Euro-Krise wurde von Goldman Sachs langfristig geplant. Dabei nutzte das Geldhaus die Gier der politischen Klasse Griechenlands, die – unabhängig von der jeweiligen Parteizugehörigkeit – zu den korruptesten der Welt zählt. Als im Jahr 2000/2001 der Beitritt des Landes zur Euro-Zone anstand, halfen die New Yorker Banker der Linksregierung von Konstantinos Simitis bei der erforderlichen Reduzierung des Haushaltsdefizits und organisierten nicht nur Kreditbuchungen in Höhe von 15 Milliarde Euro, sondern ertüftelten auch die Tricks, um die Schuldenaufnahme gegenüber Brüssel zu vertuschen. Die Hilfestellung hat sich angeblich ordentlich rentiert: Goldman Sachs soll eine Milliarde Euro kassiert haben, fast sieben Prozent der Darlehenssumme. Die Wallstreet-Banker verkauften die griechischen Anleihen an gutgläubige Kunden, darunter Finanzinstitute in Deutschland und Frankreich, weiter.
(…)
Bei diesem räuberischen Angriff auf das Euro-System bedient sich Goldman Sachs folgender Personen:
Mario Draghi: Der italienische Zentralbank-Chef folgte im Oktober 2011 anstelle des gemobbten Bundesbank-Chefs Axel Weber dem Franzosen Trichet nach und trat an die Spitze der EZB. Von 2002 bis 2005 war er Vize-Direktor von Goldman Sachs International – und half mutmaßlich bei der Schönung der griechischen Bilanzen.
Klaus P. Regling: Der Deutsche ist seit dessen Einrichtung zu Jahresanfang 2011 Chef des Euro-Rettungsfonds ESFS und dürfte, wenn die vorläufige Institution unter dem Kürzel ESM ab Sommer 2012 in eine dauerhafte umgewandelt wird, in dieser Position bleiben. Regling war im Jahr 2001 der Komplice von Draghi: Als Generaldirektor der Wirtschafts- und Finanzabteilung der Europäischen Kommission. In dieser Funktion hätte er die von Griechenland eingereichten und von Goldman Sachs vorher frisierten Kennziffern über die Verschuldung des Landes prüfen müssen.
(neu)
Lucas Papademos: Griechischer Zentralbank-Präsident von 1994 bis 2002, kommandierte als solcher den Übergang von der Drachme zum Euro und muss in die entsprechenden Tricksereien von Goldman Sachs eingeweiht gewesen sein. Nach dem Sturz von Premier Papandreou Anfang Dezember 2011 – Sie erinnern sich: Sein Verbrechen war, dass er einen Volksentscheid zum Euro ansetzen wollte – wurde Papademos griechischer Regierungschef, ohne Wahl.
Auf dieselbe undemokratische Weise wurde Marion Monti italienischer Regierungschef. Berlusconi musste zurücktreten, als die großen Fonds Mitte November in einer koordinierten Aktion Geld aus Italien abzogen. Monti gehörte nach 1995 zur informellen Gruppe der „internationalen Ratgeber“ von Goldman Sachs.
Vor dem Hintergrund dieser Personalentscheidungen titelte Time Magazin am 11. November 2011: „Regime Change in Europa: Läuft in Italien und Griechenland ein Bankiersputsch?“ Und der Londoner Independent hatte am 18. November 2011 die Überschrift: „Ist das der Preis der neuen Demokratie? Goldman Sachs erobert Europa“.
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Goldman Sachs und die angelsächsische Finanzoligarchie wollen meines Erachtens den Euro nicht zerstören, sondern als Melkmaschine benutzen, um kontinentaleuropäisches Kapital in ihre Taschen umzuverteilen. Für dieses verbrecherische Vorhaben gibt es zwei konkurrierende Modelle, das deutsche und das französische. Der Plan Merkel lautet: Zuerst sollen Griechen, Spanier, Italiener den Gürtel noch enger schnallen, erst dann bekommen sie Hilfsgelder aus dem Euro-Rettungsschirm. Der Plan Sarkozy ist umgekehrt: Zuerst sollen Stützungsgelder, möglicherweise auch über Eurobonds, fließen, erst im zweiten Schritt greift die Schuldenbremse. Beide Pläne bauen auf die Abschaffung der nationalen Souveränität zugunsten einer diktatorischen EU-Wirtschaftsregierung. Der Unterschied der beiden Modelle ist, wer am meisten bluten muss bei der Errichtung der Diktatur: Im Modell Sarkozy fließt deutsches Steuergeld zur Rettung Griechenlands, also zur Rettung der dort am stärksten engagierten französischen Banken und ihrer angelsächsischen Partner. Im Modell Merkel müssen Griechen, Spanier etc. ihre Infrastruktur verschleudern, um die genannten Banken auszuzahlen, Deutschland wird eher geschont.
Ich betone: Beide Modelle laufen auf eine Diktatur hinaus, auf eine EUdSSR. Von der historischen UdSSR unterscheidet sich die EUdSSR dadurch, dass sie nicht auf einer sozialistischen, sondern einer finanzkapitalistischen Grundlage ruht, und dass ihre Befehlszentrale nicht im Moskauer Kreml, sondern in der Wallstreet und der City of London ist.
Obwohl Merkel für eine diktatorische Tendenz steht, ist der Vergleich zwischen ihr und Hitler absurd. Hitler vertrat in all seiner Scheußlichkeit die Interessen des deutschen Kapitals. Merkel vertritt die Interessen der internatonalen Finanzoligarchie. So etwa die der Deutschen Bank, die schon längst von London aus geführt wird, und der großen deutschen Aktienunternehmen, die schon längst mehrheitlich im ausländischen Besitz sind. Das deutsche Volk und die genuin deutsche Industrie, also die großen Familienunternehmen und der Mittelstand, stehen der Euro-Politik unserer Regierung skeptisch bis ablehnend gegenüber, haben aber keine politische Vertretung in Berlin. Das Problem sind nicht die Zombies der Vergangenheit, auch nicht der deutschen. Das Problem sind die postmodernen Retortenmonster wie Merkozy, die in den Labors der Finanzfrankensteins zusammengekocht wurden.
Die politische Alternative kann ich aus Zeitgründen nur skizzieren: Wir müssen zurück zur Europäischen Gemeinschaft, also dem „Europa der Vaterländer“ vor den Maastrichter Verträgen 1991, wie es DeGaulle und Adenauer ursprünglich konzipierten. Das brachte Frieden und Wohlstand für den ganzen Kontinent. Bei der Energie- und Rohstoffversorgung müssen wir uns unabhängig machen von den angloamerikanischen Lieferanten, die uns Europäer in ihre nahöstlichen Kriege hineinzuziehen. Öl und Gas können wir von den Russen bekommen, die uns Deutsche selbst in den kältesten Phasen des Kalten Krieges immer zuverlässig belieferten.
Kurz und knapp: EG statt EU, eurasische Orientierung statt euroatlantischer Orientierung, Souveränismus statt Globalismus.

Vielen Dank.

Hinweis:

Der Euro vor dem Zusammenbruch – Bürger gegen Euro-Wahn
II. Aktions-Konferenz in Berlin

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