06.12.16

Der Abgesang der Etablierten Medien

Immer mehr Menschen wenden sich von den etablierten Medien ab. Die Folge: Zeitungen und Zeitschriften biedern sich noch mehr der Wirtschaft sowie der Regierungspolitik an. Mit illegaler Schleichwerbung versuchen sie, die Umsätze zu steigern, und der ORF fordert eine weitere Gebührenerhöhung. Die Qualität der Berichterstattung wird damit noch schlechter.

Text: Klaus Faißner
Aus und vorbei. Auch den Internetauftritt gibt es nicht mehr. Das Wirtschaftsblatt ist seit Ende Oktober endgültig Geschichte. 2014 hatten die Kärntner Tageszeitung und die Salzburger Volkszeitung zugesperrt. Damit gibt es nur mehr 14 Tageszeitungen in Österreich. Auch Magazine stecken tief in der Krise: Das Wochenmagazin Format wurde vor einem Jahr eingestellt, der News-Verlag ist dabei, 80 bis 100 von 500 Stellen abzubauen, bei der Tageszeitung Kurier sind es rund 15. Im Red Bull Media Verlag hat man vor ein paar Wochen die Notbremse gezogen. Das Seitenblicke-Magazin wurde eingestellt, davor das Modemagazin Ich. Grund laut Aussendung: „Nicht wirtschaftlich“. Auch bei vielen weiteren Medien werden Sparpläne gewälzt. Grund: Die Auflagen-, Seher- und Hörerzahlen sinken laufend. Die Konkurrenz des Internets ist nur ein Grund dafür. Immer mehr Menschen haben von der einseitigen, wie gleichgeschalteten Berichterstattung die Nase voll. Beispiele dafür gibt es genug: die Kriege in der Ukraine und Syrien, die Masseneinwanderung, der EU-Austritt Großbritanniens, die US-Präsidentenwahl oder die österreichische Wahl zum Bundespräsidenten.
Journalisten unter Druck
„Inzwischen kann ich den Vorwurf der Lügenpresse nachvollziehen“, sagt ein Journalist, der schon lange bei einer etablierten Tageszeitung arbeitet und die Medienszene bestens kennt. Er will anonym bleiben, weil er bei der Nennung seines Namens wahrscheinlich gekündigt werden würde. „Immer mehr Arbeit muss von immer weniger Leuten bewältigt werden. Wenn man früher einen Tag für eine Geschichte Zeit hatte, so muss man heute in der gleichen Zeit sieben oder acht Artikel schreiben. Dadurch fallen enorm viele Überstunden an.“ Gleichzeitig fordere aber die Chefetage hintergründige Recherchen – was aber zeitlich nicht möglich sei. Zusätzlich werde von Verlagsleitern zunehmend verlangt, dass Werbekunden durch kritische Artikel nicht vergrault werden dürften: „Es besteht ein enormer Druck von oben, dass du spurst und nicht gegen Inserenten schreibst.“ In Fachmedien sei die Situation noch viel schlimmer: „Hier wird es als geschäftsschädigend gesehen, wenn man journalistisch schreibt.“ Nun aber schwappe diese Einstellung auf so gut wie alle Medien – auch die sogenannten Qualitätsmedien – über. Hinzu komme noch die ständige Angst, gekündigt zu werden: „Keiner weiß, wer der nächste ist.“ Vielleicht sei dies auch Taktik, damit jeder brav das mache, was von ihm verlangt werde. Die Medien setzten vermehrt auf Kooperationen mit Unternehmen, um an Geldquellen heranzukommen. „Man legt sich mit Firmen ins Bett und verursacht dadurch Interessenskonflikte für Journalisten.“
Schleichwerbung ist „tägliche Praxis“
Diese Anbiederung an die Wirtschaft zerstört das Vertrauen in die Medien weiter. Das kostet weitere Leser, weshalb sich Herausgeber, Chefredakteure und Journalisten noch mehr prostituieren. Zum Beispiel kennzeichnen Zeitungen und Zeitschriften Werbung zunehmend nicht als solche, wie ein Bericht der Zeitschrift Dossier von September nahelegt: Bezahlte Werbung wird teilweise auch als redaktioneller Artikel dargestellt. Schleichwerbung nennt man so etwas. Im Zentrum des Dossier-Berichts steht dabei die Gratiszeitung Österreich. Demnach veranlasste der Österreich-Gründer und Herausgeber Wolfgang Fellner persönlich eine mehrwöchige Serie an redaktionellen Berichten über einen seiner größten Werbekunden. Weiters wollte der Möbelkonzern Ikea redaktionell vorkommen „und dafür eine Art Druckkostenbeitrag zahlen“, wie eine Mitarbeiterin der Anzeigenabteilung im Jahr 2011 in einer E-Mail schrieb. Fellner habe für das Geschäft sein Okay gegeben. Ikea kam schließlich in einem ganzseitigen Artikel als einziger Hersteller vor und zahlte 10.000 Euro dafür. Die Dossier vorliegenden Dokumente zeigen, dass getarnte Werbung ein lukratives Geschäft und wichtiges Verkaufsargument für Inserate ist. Wolfgang Fellners Stellungnahme dazu: „Ich kann Ihnen versichern, dass es in Österreich keine Schleichwerbung gibt – jedenfalls viel weniger als in anderen Medien.“ Gabriele Faber-Wiener, Vorsitzende des PR-Ethikrates, der die Einhaltung ethischer Grundsätze in der Öffentlichkeitsarbeit überwacht, erklärte: „Schleichwerbung ist tägliche Praxis.“ Käufliche Berichterstattung ziehe sich durch die gesamte Medienlandschaft und werde auch nicht bestraft – obwohl sie verboten ist.
Legale Korruption über Inserate
Mindestens ein gleich großes Problem ist die Käuflichkeit der Medien durch Regierungsinserate. Dieses System der legalen Korruption wurde von Ex-Bundeskanzler Werner Faymann etabliert. Auch unter dessen Nachfolger Christian Kern dürfte es in dieser Tonart weitergehen. „Ich orte keinen Veränderungsbedarf“, erklärte der von Kern ernannte Medienminister Thomas Drozda. Jedes Jahr werden die Medien – vor allem Zeitungen und Zeitschriften – auf diese Weise mit offiziell rund 200 Millionen Euro gefördert. Da nur jedes Inserat über 5.000 Euro gemeldet werden muss, geht der Rechnungshof von etwa 300 Millionen Euro aus (alles roger? berichtete). Allein im 2. Quartal dieses Jahres (April bis Juni) erhielt der ORF 5,4 Millionen Euro, die Kronen Zeitung 5,2 Millionen, Heute 3,8 Millionen und viele weitere Medien weit über eine Million Euro – unter anderem auch Der Standard und der Kurier.
ORF agiert wie Selbsthilfegruppe
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Für den ORF ist diese Subvention nur ein kleiner Teil der Zwangsbeiträge, die von den Bürgern eingehoben werden. ORF-Konsumenten zahlten 2015 862,3 Millionen Euro an Rundfunkgebühren, von denen 578,4 Mio. Euro netto beim ORF landeten. Nirgendwo zahlen Menschen in Europa mehr: Laut einer vom Regulierungsexperten Alexander Zuser präsentierten Untersuchung gibt ein Haushalt in Österreich kaufkraftbereinigt pro Jahr 270 Euro für Rundfunkgebühren aus. Dennoch will ORF-Generaldirektor Gerhard Wrabetz eine Gebührenerhöhung. Grund: Die Seher und Hörer laufen dem Sender davon, womit sich auch die Werbeeinnahmen verringern. Hatte ORF eins Anfang der 1990er-Jahre noch einen Marktanteil von 44 und ORF 2 von 33 Prozent, so waren es im September 2016 nur mehr 8,8 und 21,7 Prozent – die niedrigsten Werte in der Geschichte. Es mehren sich die Stimmen, die eine Abschaffung der ORF-Zwangs-gebühren fordern, vor allem angesichts der einseitigen politischen Berichterstattung. Sehr deutlich wurde diese rund um die Livesendung über die US-Wahl, als zum Schrecken der ORF-Redakteure Donald Trump gewann: „Das hatte nur noch wenig mit Berichterstattung zu tun, es glich mehr einer Selbsthilfegruppe für traumatisierte linke Journalisten. Aber man muss auch diesen Menschen (die Modernisierungsverlierer von morgen?) zuhören und ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen“, erklärte ironisch der kritische Journalist Werner Reichel. 
(Quelle: alles roger?)

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