11.11.12

Und Europa schämt sich nicht …

Während das staatliche Gesundheitsnetz zusammenbricht, knüpfen griechische Bürger ihr eigenes

von Liz Alderman
 
zf. Mit allen Mitteln erzwang Angela Merkel den ESM, schliesslich müssen weitere «Rettungs»gelder für Griechenland und andere Länder locker gemacht werden, damit die Banken und die goldene Gans Goldman Sachs weiter gestopft werden können. Erträge und Gewinn von Goldman Sachs haben die «Erwartungen der Analysten» bekanntlich schon wieder übertroffen. Ausserdem macht die EU, allen voran Deutschland und Frankreich, auch Druck, wenn es um die Rüstungsbestellungen in ihren Ländern geht. So titelte der «Spiegel» am 20.5.2012: «Griechenland rüstet und rüstet und rüstet» und nannte konventionelle U-Boote der Klasse 214, die mit ihrem Brennstoffzellenantrieb auf ausgedehnte Tauchfahrten gehen können, dazu «Leopard-2»-Kampfpanzer mit mächtigen 120-Millimeter-Glattrohrkanonen der Münchner Waffenschmiede Krauss-Maffei Wegmann (KMW). Weiter genannt werden Nato-Transporthubschrauber (von EADS), und allein der Kauf von 60 Kampfflugzeugen des Typs «Eurofighter» (ebenfalls EADS) – auf den die deutsche Politik immer wieder drängte – kostet rund 4 Milliarden Euro. Mit seinen 11 Millionen Einwohnern gilt Griechenland als grosser Waffenimporteur, was zudem  auch die türkische Regierung zu entsprechenden Bestellungen veranlasst. So gehen laut Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri 13 Prozent aller deutschen Rüstungsexporte nach Griechenland und 15 Prozent an die Türkei.
Dazu wird der griechischen Regierung ein unmenschlicher Sparkurs abverlangt, der einseitig den Sozialbereich trifft und schwerste Opfer fordert. Während im Sozialbereich 2012 zusätzliche 2 Milliarden eingespart werden sollten, wurde das Verteidigungsbudget um 200 Millionen erhöht (vgl. «Die Zeit» vom 5.1.12). Und Europa schämt sich nicht …
Mit gespendeten Medikamenten und in Untergrundkliniken behandeln Ärzte und Krankenschwestern Patienten, die unter den Sparmassnahmen keine Leistungen der Krankenkassen mehr erhalten.
Als Chef der grössten Onkologieabteilung Griechenlands glaubte Dr. Kostas ­Syrigos, schon alles gesehen zu haben. Aber nichts hatte ihn auf Elena vorbereitet, eine arbeitslose Frau, die ein Jahr, bevor sie ihn aufsuchte, die Diagnose Brustkrebs erhalten hatte.
Zu diesem Zeitpunkt war ihr Krebs auf die Grösse einer Orange angewachsen, er hatte die Haut durchbrochen und eine Wunde hinterlassen, deren Feuchtigkeit sie mit Papiertaschentüchern aufnahm.
«Als wir sie sahen, waren wir sprachlos», sagte Dr. Syrigos am Allgemeinkrankenhaus Sotira im Zentrum Athens. «Alle weinten. Solche Dinge werden in Lehrbüchern beschrieben, aber man sieht sie nie, weil bis heute jeder, der in diesem Land krank wurde, immer Hilfe erhalten konnte.»
Das Leben in Griechenland wurde auf den Kopf gestellt, seit es von der Finanzkrise erfasst wurde. Aber in wenigen Bereichen war die Veränderung eklatanter als in der Gesundheitsversorgung. Bis vor kurzem hatte Griechenland ein typisch europäisches Gesundheitswesen, bei dem die Arbeitgeber und die einzelnen ihren Beitrag an einen Fonds leisteten, der mit staatlicher Unterstützung die Allgemeinversicherung finanzierte. Menschen, die ihre Stelle verloren, erhielten weiterhin unbeschränkte Leistungen.
Das änderte sich im Juli 2011, als Griechenland ein Kreditabkommen mit internationalen Geldgebern unterzeichnete, um den finanziellen Zusammenbruch abzuwenden. Als die griechischen Führer am 24. Oktober 2012 ankündigen, sie hätten mit ihren Gläubigern ein neues striktes Sparpaket vereinbart, sind die Qualen vorangegangener Abkommen noch immer spürbar.
Seit dem Abkommen von 2011 erhalten Griechen, die ihre Arbeit verlieren, Leistungen noch während maximal eines Jahres. Danach sind sie auf sich allein gestellt, wenn sie [die Versicherung] nicht zahlen können, und sollen alle Kosten aus ihrem eigenen Sack zahlen. [Gemäss Korrigenda vom 26. Oktober 2012 sieht das Abkommen bei Verlust des Arbeitsplatzes gar keine Leistungen mehr vor; die staatlichen Zahlungen von Arbeitslosenhilfe und Krankenversicherung während eines Jahres nach Verlust des Arbeitsplatzes erfolgten vor Abschluss des Kreditabkommens.]
In einem Land mit einer Arbeitslosigkeit von 25% ist die Zahl der Nichtversicherten ständig gestiegen, offizielle Zahlen gibt es allerdings nicht. Aber man schätzt, dass etwa die Hälfte der 1,2 Millionen Langzeitarbeitslosen Griechenlands ohne Krankenversicherung sind, ein Anteil, von dem man erwartet, dass er noch markant zunehmen wird, wenn sie in der dem Untergang geweihten Wirtschaft keine Arbeit finden, wie Savas Robolis, Direktor des Instituts für Arbeitskräfte des Allgemeinen Bundes der griechischen Arbeiter, erklärte.
Die Veränderungen zwingen eine wachsende Zahl von Menschen, sich Hilfe ausserhalb des traditionellen Gesundheitssystems zu suchen. Elena, die ihren Nachnamen nicht genannt haben wollte, um ihre Privatsphäre zu schützen, wurde von Ärzten einer Untergrundbewegung, die hier für die Nichtversicherten aus dem Boden schoss, an Dr. Syrigos verwiesen.
«Im Augenblick bedeutet arbeitslos sein in Griechenland den Tod», sagte Dr. Syrigos, ein imposanter Mann mit einem ernsten Auftreten, das sanft wurde, als er von der Notlage der Krebspatienten sprach.
Die Entwicklung ist neu für die Griechen und vielleicht auch für die Europäer. «Wir nähern uns der gleichen Situation, wie sie in den Vereinigten Staaten gewesen ist, wo das Verlieren des Arbeitsplatzes und der Versicherung bedeutet, dass die Kosten nicht gedeckt sind», sagte Dr. Syrigos.
Die Veränderung ist in der Krebstherapie mit ihren langen und teuren Behandlungen besonders auffallend. Wenn Nichtversicherte die Diagnose Krebs erhalten, «ignoriert sie das System einfach», sagte Dr. Syrigos. «Sie können keine Chemotherapie, keine Operation oder nur schon einfache Medikamente erhalten», erklärte er.
Das Gesundheitswesen selbst ist in seiner Funktion zunehmend gestört und dürfte sich noch verschlechtern, wenn die Regierung als Teil des neuen Sparprogramms zusätzliche Kürzungen von 950 Millionen Euro bei den Gesundheitsausgaben vornimmt, die weitere Leistungen stoppen sollen.
Angesichts der leeren Staatskassen ist die Versorgung so schlecht geworden, dass einige Patienten gezwungen sind, Dinge wie Gefässprothesen und Spritzen für ihre ­eigenen Behandlungen mitzubringen. Spitäler und Apotheken verlangen heute Barzahlung für Medikamente, deren Kosten sich bei Krebspatienten auf Zehntausende von Dollars belaufen können, die die meisten von ihnen nicht haben. Da das System am Zusammenbrechen ist, haben Dr. Syrigos und einige Kollegen beschlossen, die Sache selbst an die Hand zu nehmen.
Anfang des Jahres haben sie ein heimliches Netzwerk aufgebaut, um nichtversicherten Krebspatienten und anderen Kranken zu helfen. Ein Netzwerk, das ausserhalb des offiziellen Netzes arbeitet und nur überschüssige Medikamente nutzt, die von Apotheken, einigen Pharmafirmen und sogar den Familien verstorbener Krebspatienten gespendet werden. In Griechenland muss ein Arzt, der dabei erwischt wird, nichtversicherten Personen unter Verwendung von Medikamenten des Spitals zu helfen, die Kosten aus seiner eigenen Tasche zurückerstatten.
An der Metropolitan Sozialklinik, einem behelfsmässigen medizinischen Zentrum in der Nähe einer verlassenen US-Luftwaffenbasis ausserhalb von Athen, deutete Dr. Gior­gos Vichas kürzlich an einem Nachmittag auf mit gespendeten Medikamenten vollgestopfte Plastiksäcke, die die schmuddeligen Gänge vor seinem Büro säumten.
«Wir sind ein Robin-Hood-Netzwerk», sagte Dr. Vichas, ein Kardiologe, der die Untergrundbewegung im Januar gründete. «Aber diese Operation hat ein Ablaufdatum», erklärte er, «die Menschen werden ab einem bestimmten Punkt auf Grund der Krise nicht mehr in der Lage sein zu spenden. Deshalb setzen wir den Staat unter Druck, seine Verantwortung wieder zu übernehmen.»
In einem Vorratsraum wurde ein blauer Aktenschrank mit Krebsmedikamenten gefüllt. Aber sie reichten nicht aus, um die steigende Zahl von Krebspatienten, die an seine Tür klopften, zu versorgen. Viele der Medikamente werden an Dr. Syrigos weitergeleitet, der vor drei Monaten im Spital eine Krankenstube nach Feierabend einrichtete, um nichtversicherte Krebspatienten zu behandeln, die Dr. Vichas und andere aus dem Netzwerk ihm zuweisen. Die Mitarbeiter von Dr. Syrigos melden sich regelmässig freiwillig, um nach ihren offiziellen Schichten zu arbeiten, die Zahl der Patienten stieg von 5 auf 35.
«Manchmal komme ich müde und erschöpft und sehe doppelt», schilderte Korina Liberopoulou, eine Pathologin des Spitals an einem Nachmittag im Beisein von fünf Ärzten und Krankenschwestern. «Aber solange es Materialien gibt, mit denen man arbeiten kann, wird dieses Verfahren weitergehen.»
Am medizinischen Zentrum erklärte Dr. Vichas, er habe sich nie vorstellen können, von Menschen in Not so bestürmt zu werden.
Während er sprach, erschien Elena; sie trug ein plissiertes graues Kopftuch und eine weite, pflaumenblaue Bluse. Sie kam wegen Medikamenten, die ihr helfen sollten, mit den Folgen der Chemotherapie fertigzuwerden, die sie kürzlich von Dr. Syrigos erhalten hatte.
Elena berichtete, dass sie keine Versicherung mehr habe, nachdem sie ihre Lehrerstelle aufgegeben hatte, um sich um ihre krebsgeplagten Eltern und einen kranken Onkel zu kümmern. Als sie starben, wurde Griechenland von der Finanzkrise betroffen, und es war ihr mit 58 Jahren unmöglich, Arbeit zu finden.
Sie schilderte, dass sie in Panik geriet, als man bei ihr den gleichen Brustkrebs diagnostizierte, an dem ihre Mutter gestorben war: die Behandlungen würden mindestens 40 000 Dollar kosten, teilte man ihr mit, und die finanziellen Mittel ihrer Familie waren aufgebraucht.
Ihr Karzinom breitete sich aus, aber bis vor wenigen Monaten hatte sie keinen Zugang zu einer Behandlung, bis sie durch Mundpropaganda Dr. Vichas ausfindig machte. «Wenn ich nicht hierher kommen könnte, würde ich nichts tun», sagte sie. «Heute müssen Sie in Griechenland einen Vertrag mit sich selber schliessen, dass sie nicht sehr krank werden.»
Sie sagte, sie sei bestürzt, dass der griechische Staat als Teil des Rettungspakets eine Stütze der Absicherung der Gesellschaft zurückgezogen habe. Aber die Tatsache, dass Ärzte und durchschnittliche Griechen sich organisieren, um dort anzupacken, wo der Staat versagte, gab ihr Hoffnung in ihren trostlosesten Stunden. «Hier gibt es jemanden, der sich kümmert», sagte Elena.
Für Dr. Vichas sind vielleicht nicht die Medikamente, die am stärksten wirksame Medizin, sondern der Optimismus, den seine Gruppe denjenigen bringt, die fast aufgegeben haben.
«Was wir durch die Krise gewonnen haben, ist, dass wir näher zusammengerückt sind», äusserte er. «Das ist Widerstand», fügte er an, und liess seinen Blick über die Freiwilligen und Patienten rund um die Klinik gleiten. «Es ist eine Nation, ein Volk, das wieder auf seinen eigenen Füssen stehen darf auf Grund der Hilfe, die es sich gegenseitig leistet.»    •
Quelle: © The International Herald Tribune vom 25. Oktober 2012
(Übersetzung Zeit-Fragen)

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