15.06.11

Lepold Kohr

 Leopold Kohr, der an der Verfassung von Wales mitgearbeitet hat und 1967 maßgeblich an der Gründung des kleinen Inselstaates Anguilla (engl. Aussprache) in der Karibik, auf den Kleinen Antillen, beteiligt war. Für sein Lebenswerk, das der "Theorie der Kleinheit" - alles Überdimensionierte, Gigantische, Saurierhafte ist nicht menschenadäquat und muss zugrunde gehen - gewidmet war, erhielt er 1983 den Alternativen Nobelpreis. Für die Gegenwart schlägt Leopold Kohr ein "Europa der Kantone" vor. Alle Staaten sollten in ihre ursprünglichen historischen Landschaften aufgeteilt und so etwa gleich groß und friedfertig gemacht werden...

Leopold Kohrs zentraler Satz ist:

"Die Größe - und nur die Größe! - ist das zentrale Problem der menschlichen Existenz, im sozialen und im physischen Sinn."

"Ich glaube, dass hier ein großer Irrtum begangen wird. Alle Probleme unserer Zeit sind Probleme der überwuchernden, unnotwendigen Größe menschlicher oder wirtschaftlicher Gemeinschaften. Wir sollten vielmehr in Richtung kleiner, unabhängiger Einheiten gehen. Aufteilung braucht Arbeitsplätze und produziert viel mehr Arbeitsmöglichkeiten, als es Zusammenschlüsse tun, deren Sinn es ist, Arbeitskräfte zu sparen."

Wie können wir uns im Großen das Kleine, im Kleinen das Große vergegenwärtigen? Als eine Gruppe von Astronomen Bilder von Raumsonden vom Rand unseres Planetensystems, aufgenommen in Richtung Erde, begutachteten, wollte eine Astronomin ein vermeintliches Staubkorn wegwischen. Es erwies sich als stabil. Es war die Erde. Vielleicht kann das die Dimensionen ein wenig zurechtrücken.

An der kaputten Umwelt und einer hilflosen Technik, die sich selbst blockiert, erkennen viele, dass der Gott des Fortschritts tot ist. Der Weltraum? Nicht zu erobern. Der Mensch ist dort noch kleiner als auf Erden. "Ewiges Leben" durch Gentechnik? Eine gefährliche Utopie. Atomenergie? Ein wahnsinniger Irrweg, der uns die radioaktive Verseuchung des Planeten, Atombomben, nicht beherrschbare Abfälle bringt. Unbegrenzte Mobilität? Gute Fahrt im 100-Kilometer-Stau! Der deutsche Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter sieht "das größenwahnsinnige Ego des heutigen Menschen zusammenbrechen".

Was wir brauchen, ist ein Gegengewicht zu beiden Extremen, zum Scheuklappen-Nationalismus ebenso wie zu einer paneuropäischen Heilsbewegung, die ihre Machtgelüste und nackten wirtschaftlichen Interessen hinter dem "Geist von Europa" versteckt. Natürlich: Wir müssen über den Tellerand unserer begrenzten "Region" hinauszuschauen, wir alle sind Weltbürger auf diesem kleinen Raumschiff Erde. Das kann aber nicht heißen, dass wir unsere Souveränität, unsere Selbstbestimmung in der Garderobe abgeben, unsere berechtigten Eigeninteressen, unseren Verstand.

Kriege geführt haben die letzten Generationen schon genug in Europa. Jetzt heißt es, Friedenspolitik machen, aber nicht verbal oder indem man Kriege als "humanitäre Aktionen" tarnt, sondern mit großzügiger Entmilitarisierung. Europa kann eine Weltmacht des Friedens werden. Das wäre durchaus der Kern einer eigenständigen Politik.

Dazu hat der französische Historiker und Demograf Emmanuel Todd – sein Großvater war übrigens österreichischer Jude und amerikanische Staatsbürger – eine provokante, aber wie ich meine richtige These entwickelt. Er prophezeit den Niedergang der USA und hat soeben einen Nachruf auf die Supermacht veröffentlicht. Die "Gewalttätigkeit, Instabilität und Arroganz der Amerikaner", so Todd, die "eine gefährliche und illegitime Politik betreiben", führe zur Degeneration Amerikas. Die Vereinigten Staaten, so Todd, seien nur noch militärisch eine Weltmacht, längst nicht mehr wirtschaftlich. Ich bin in meinem Buch zu ganz ähnlichen Schlüssen gekommen. Die USA sind mit 500 Milliarden Dollar Handelsbilanzdefizit von ausländischen Kapitalzuflüssen abhängig. Dagegen müssen, so Todd, Europa und Russland eine stabile strategische Struktur aufbauen.

Heute könnte Europa, nach dem Scheitern der "Vielvölkerstaaten" und Zentralreiche, wieder ein Spielfeld partikulärer, buntscheckiger Kräfte werden. Die EU ist allerdings der zentralistische Gegenentwurf zu dieser Entwicklung. Die Großeuropäer wollen die zentrifugalen Potentiale bändigen und rufen sie dadurch erst so richtig auf den Plan.

Lassen Sie mich einige weitere Beispiele für Lösungsmodelle gegen den drohenden Untergang bringen, die ich im Buch ausführlich erläutert habe:

Verantwortungsloser Parteienoligarchie, autoritärer Parteienherrschaft, und Scheindemokratie, welche Karl Albrecht Schachtschneider, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Erlangen-Nürnberg, als "Verfallserscheinung der Republik" mit "zunehmend diktatorischem Charakter" bezeichnet, muss der Ausbau der Instrumente der direkten Demokratie entgegengesetzt werden. Sonst droht die schleichende Umwandlung der Demokratie zur Diktatur. Welchen Niedergang das mit sich bringt, sehen wir an der Geschichte des vorigen Jahrhunderts und an der heute drohenden Weltdiktatur der USA. Leider werden die Bemühungen um einen Ausbau der Rechte des wahren Souveräns in der Demokratie, des Volkes, auch in Europa systematisch bekämpft und niedergewalzt.

Das alles funktioniert nur mit Gehirnwäsche in den Massenmedien und durch speziell programmierte Institute, deren Aufgabe es ist, Lügen so lange zu bearbeiten, bis sie plausibel klingen. Dieser Entwicklung zur Diktatur und dem Abbau des Rechts auf internationaler wie nationaler Ebene muss energisch Einhalt geboten werden. Auch durch die Entwicklung eigener Kommunikations-Möglichkeiten, vor allem im Internet.

Die Sehnsucht des Menschen in all der Künstlichkeit, Geradlinigkeit, Gleichschaltung und Beton-Monotonie gilt dem Runden, Weichen, Vielfältigen, Farbigen. Davon bin ich überzeugt. Das Überdimensionale aus dem Buch der Rekorde dient bloß dem kurzlebigen Nervenkitzel. Nur das Maßvolle und Überschaubare bleibt.

Zurück zum menschlichen Maß!

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