26.06.11

Top-Ökonom hält Griechenland-Pleite für sicher

 Bild:wiwo.de

Neue Gelder und Sparpakete für Griechenland? Verschenkt, meint der Ökonom Stefan Homburg im SPIEGEL-Interview. Der Staatsbankrott sei unausweichlich - mit schlimmen Folgen für die EU. Finanzminister Wolfgang Schäuble bereitet sich schon für den Ernstfall vor - hält eine Pleite aber für beherrschbar.
Hamburg - Wenn es um Griechenland geht, ist das "P"-Wort für Europas Staats- und Regierungschefs bislang ein Tabu. Jede Frage nach einer möglichen Pleite des europäischen Sorgenkinds schmettern Politiker ab: "So weit wird es nicht kommen", lautet der allgemeine Tenor. Doch das ist nach Ansicht des Finanzwissenschaftlers Stefan Homburg verlogen. Der eingeschlagene Weg der Euro-Rettung endet ganz klar "letztlich in Staatsbankrott und Währungsreform", sagte der Hannoveraner dem SPIEGEL.
Diese Tatsache sei inzwischen auch vielen Politikern klar, sagte Homburg. "Dieser Prozeß ist schon jetzt unumkehrbar, doch will das niemand laut sagen und als derjenige ins Geschichtsbuch eingehen, der den Knall ausgelöst hat." Daher überlasse man den Offenbarungseid späteren Regierungen und werfe einstweilen gutes Geld schlechtem hinterher. "Irgendwann, das ist sicher, wird das System durch politische und ökonomische Faktoren gesprengt. Und leider besteht die große Gefahr, daß dann nicht nur der Euro zerbricht, sondern die EU insgesamt."
Finanzminister Wolfgang Schäuble räumte nun ein, daß die Euro-Länder vorsorgten - für den unwahrscheinlichen Fall, daß das griechische Parlament das Sparpaket ablehnt und das Land zahlungsunfähig wird. "Wir setzen alles daran, eine krisenhafte Zuspitzung für Europa zu verhindern, müssen aber gleichzeitig auf alles vorbereitet sein", sagte Schäuble der "Bild am Sonntag". Es sei ihre Verantwortung, sich auch für den Fall der Zahlungsunfähigkeit vorzubereiten.
Der CDU-Politiker betonte zugleich, daß er die Folgen einer Pleite Griechenlands für beherrschbar hält. "Wenn es anders kommt, als alle glauben, dann wäre es schon ein größerer Störfall. Aber: Auch 2008 war die Welt in der Lage, gegen eine globale und nicht vorhersehbare Finanzmarktkrise koordiniert vorzugehen", sagte Schäuble. Natürlich habe die Krise schwere Auswirkungen gehabt, doch sei sie gemeistert worden. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt war damals um 4,7 Prozent eingebrochen.
Schäuble warnte das griechische Parlament dennoch eindringlich davor, das Sparpaket bei der Abstimmung am Mittwoch scheitern zu lassen. Sollten sie die Sparmaßnahmen der Regierung nicht verabschieden, könnten der Internationale Währungsfonds (IWF), die Euro-Länder und die EU die nächste Tranche der Hilfsgelder nicht freigeben. Damit wäre die Stabilität der Euro-Zone als Ganzes in Gefahr. "Wir müßten schnell dafür sorgen, daß die Ansteckungsgefahr für das Finanzsystem und andere Euro-Staaten eingedämmt würde", sagte Schäuble.
Regierung spricht mit Banken über fünfjährige Laufzeitverlängerung
Zugleich laufen die Rettungsmaßnahmen für Griechenland auf Hochtouren. Deutschlands Großbanken sollen laut einem Zeitungsbericht bis zu diesem Sonntag der Regierung mitteilen, in welchem Umfang sie zu Laufzeitverlängerungen für griechische Anleihen bereit sind. Die Koalition erwarte Zugeständnisse zu einer Verlängerung von bis zu fünf Jahren, berichtet die "Welt am Sonntag". Am Freitag habe der Bundesverband deutscher Banken die Federführung bei den Gesprächen zwischen der Regierung und den Privatbanken übernommen.
FDP-Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle sagte der Zeitung: "Das Geschäftsmodell, nur höhere Zinsen zu verlangen, bei drohender Insolvenz aber einen eigenen Sanierungsbeitrag zu verweigern und die Kosten einer Insolvenz allein auf Dritte abzuwälzen, funktioniert nicht." Die Folgen einer Staatspleite und damit verbundener Gefahren für alle Anleger könnten auch die Banken nicht wollen.
Ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes sagte, manche Institute hätten entgegen den Versprechen des vergangenen Jahres ihre Bestände an griechischen Anleihen nicht gehalten. Jetzt dürften nicht jene Institute benachteiligt werden, die sich an die Absprachen gehalten hätten.
yes/AFP/AP

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten

1 Kommentar:

Freiwirtschaftler hat gesagt…

"Doch das ist nach Ansicht des Finanzwissenschaftlers Stefan Homburg verlogen. Der eingeschlagene Weg der Euro-Rettung endet ganz klar "letztlich in Staatsbankrott und Währungsreform", sagte der Hannoveraner dem SPIEGEL."

Das ist grenzenlos naiv. Man kann nicht einfach alte Zinsgeld-Zettel durch neue Zinsgeld-Zettel ersetzen, denn solange nicht auch alles Sachkapital (Häuser, Fabriken, etc.) wie nach dem zweiten Weltkrieg zerstört ist, werden sich die neuen Zinsgeld-Zettel genauso weigern, umzulaufen, wie die alten Zettel!

Wenn der Geldkreislauf in ganz Europa zusammenbricht (Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes), ist das, was zurzeit in Griechenland passiert, nur eine kleine "Kneipenschlägerei". Es wird die gesamte Arbeitsteilung und die öffentliche Ordnung zusammenbrechen, es kommt zu Massenschlägereien, Plünderungen, sinnloser Zerstörung, bis hin zum Kannibalismus, wenn nach einigen Wochen die letzten Nahrungsmittel-Vorräte aufgebraucht sind.

Ein völliger Zusammenbruch des Zinsgeld-Kreislaufs wäre beim heutigen, durch den Kapitalismus bis auf die Spitze getriebenen Spezialisierungs- und Konzentrationsgrad in der Wirtschaft irreversibel. Die Arbeitsteilung ließe sich "danach" nicht wieder aufbauen. Über 90 Prozent der bisherigen Bevölkerung Europas müsste verhungern und der "Rest" wäre wieder in der Steinzeit gelandet!

Natürlich will das keiner hören, weil alle Angst davor haben, und deshalb entweder den Kopf in den Sand stecken oder als Abwehrreaktion alberne Sprüche klopfen über den bevorstehenden "Crash", ohne auch nur im Geringsten darüber nachzudenken, was das bedeutet.

Es gibt nur die Möglichkeit, gerade noch rechtzeitig eine konstruktive Geldumlaufsicherung in Verbindung mit einem allgemeinen Bodennutzungsrecht zu installieren, bevor es zur globalen Liquiditätsfalle (Armageddon) kommt:

http://www.deweles.de/files/2010_gsm.pdf