10.01.13

«Ausblendung der Realität ist nicht nur dumm, sondern auch zukunftskriminell»

hep. Am 28.11.2012 wurde in der Landesverteidigungsakademie in Wien das neueste Buch des österreichischen Agronomen und Wirtschaftswissenschaftlers Heinrich Wohlmeyer «Empörung in Europa – Wege aus der Krise» vor mehr als 200 interessierten Zuhörern vorgestellt. Auf dem Podium diskutierten darüber Claus Reitan, Chefredakteur der Wochenzeitschrift Die Furche, DI Dr. Stefan K. Zapototcky, Finanzberater und ehem. Vorstand der Wiener Börse, Brigadier MMag. Wolfgang Peischel, Chefredakteur der Österreichischen Militärzeitung, Univ. Prof. Markus F. Hofreither, Institut für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung an der Universität für Bodenkultur in Wien, und DI Rudolf Svoboda, Unternehmer und Vorsitzender der Vereinigung christlicher Unternehmer (VCU).
Nach der Begrüssung durch Brigadier Mag. René Ségur-Cabanac, dem stellvertretenden Kommandanten und Chef des Stabes der Landesverteidigungsakademie, stand in der zweistündigen Diskussion über die Thesen von H. Wohlmeyer die Frage im Zentrum, was das Land Österreich für die Zukunft brauche. Im Mittelpunkt stand die Frage nach einer zukunftsorientierten Wirtschaft, die den Bürgern dienen und die auch von diesen gestaltet werden solle.

Ein Blick auf Österreich

Zuerst ein kurzer Blick auf Österreich. Es ist ein kleines Land mit 8,5 Millionen Einwohnern, von denen mehr als zwei Drittel ihr Einkommen im Bereich des Dienstleistungssektors verdienen, das übrige Drittel entfällt mehrheitlich auf Industrie und Gewerbe. Ein Anteil von 5% der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft tätig. Die Staatsverschuldung des Landes ist hoch. Im Jahr 2011 betrug sie mehr als 230 Milliarden Euro (72,4% des BIP), was einer Verschuldung pro österreichischem Erwerbstätigen von 55 305 Euro entspricht. Die Zinsleistung dafür beträgt 8,2 Milliarden bzw. 1970 Euro für jeden Arbeitenden pro Jahr und ist weiter im Steigen begriffen (www.staatsschulden.at). Zum Vergleich: Allein die jährliche Zinsleistung ist so hoch wie die Ausgaben für die Pflichtschulen (4,6 Milliarden Euro) und die Universitäten (3,6 Milliarden Euro).

Eine Million armutsgefährdet

Die Arbeitslosenquote lag im Dezember 2012 bei 8,6%. Insgesamt waren damit 385 438 Personen in Österreich ohne Arbeit und damit um 6,9% mehr als im Dezember 2011. Parallel dazu mussten im Jahr 2011 etwa 13%, das sind mehr als eine Million Österreicher (!), als armutsgefährdet bezeichnet werden – und das, obwohl Österreich nach wie vor zu den reichsten Ländern der Welt gehört. Einen grossen Teil der davon Betroffenen machen Alleinerziehende und Frauen ohne oder mit zu geringer Pension aus.

Ungleiche Verteilung

Die Zahl der täglich ausgegebenen warmen Mahlzeiten eines grossen Wiener Caritas-Obdachlosenzentrums hat sich binnen zehn Jahren auf 94 000 fast verdoppelt. Die Sozialmärkte verzeichneten im Jahr 2012 mit 45 000 Berechtigungskarten einen neuen Höchststand. Gleichzeitig wurden nie so viele teure Autos gekauft wie im vergangenen Jahr 2012. BMW, Mercedes, Porsche und Ferrari verzeichneten bis November trotz eines insgesamt schrumpfenden Automarkts zweistellige Zuwachsraten. In anderen Zahlen ausgedrückt: 187 Personen in Österreich hatten 2011 ein Brutto-Jahresgehalt von mehr als einer Million Euro. Eine Million Beschäftigte im gleichen Land verdienten weniger als 10 000 Euro im Jahr. 5% der österreichischen Haushalte besitzen 45% des gesamten Vermögens. 40% der Haushalte haben ein Nettovermögen von weniger als 50 000 Euro («Kurier», 30.12.2012).

Den eigenen Blick nicht vernebeln lassen

Dazu H. Wohlmeyer: «Wenn die Staaten und anderen Gemeinwesen zunehmend notleidend werden und eine Generation, die weder Krieg noch echte Not erlebt hat, auf ihre bisher selbstverständliche Alimentierung pocht; und wenn diese Generation noch dazu keine ‹Opferkultur›, sondern nur Fordern und aufputschende Events kennt, dann muss vorrevolutionäres Potential geortet werden. Dieses können sich radikale Organisationen und ausländische Mächte zunutze machen. Wir haben uns offenbar auf einem Pulverfass verdrängend-unkritisch ‹wohnlich› eingerichtet. Die Jugendkrawalle in Frankreich und England sollten Warnungen sein.» (S. 227)
Bürgerkriegsähnliche Zustände in der Folge von Verschuldung, sozialer Spannung und Arbeitslosigkeit nahm Heinrich Wohlmeyer in der Landesverteidigungsakademie auch als Ausgangspunkt seiner Darstellungen. Überzogene Sparmassnahmen könnten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, Flüchtlingsströmen und inneren Unruhen führen. (Zeit-Fragen berichtete darüber.) Wohlmeyer wies darauf hin, dass die Schweizer Armee eine Eskalation der Lage in den EU-Krisenländern derzeit für möglich halte und mit Auswirkungen auf die innere Sicherheit der Schweiz rechne. Derartige Szenarien würden bei Manövern bereits geübt.

Es gibt Wege aus dem Finanzdesaster

«Das Geld», so H. Wohlmeyer, «das den Staaten anfangs geradezu aufgedrängt wurde, um später durch entsprechendes Rating die Zinsen zu erhöhen, wurde aus dem Nichts geschaffen (fiat-money). Es muss nun geordnet wieder ins Nichts zurückgeführt werden, um extreme soziale Verwerfungen mit unabsehbaren Folgen zu vermeiden. Die aufgebaute Finanzblase beträgt derzeit ungefähr das Dreifache des Weltbruttoproduktes – also des Wertes aller Waren und Dienstleistungen, die weltweit erstellt werden. Sie durch Schuldenverzicht oder durch die Einhebung angemessener Beiträge der Finanzmächtigen nach dem Prinzip der ökonomischen Leistungsfähigkeit geordnet implodieren zu lassen, ist ein Gebot der Stunde und die einzige Alternative zu sozialem Kahlschlag, grösstem Leid, Chaos und Bürgerkrieg oder Krieg.» (S. 251)
Weiter schlägt Wohlmeyer vor, dass der Finanzsektor, der nicht mehr den Bürgern dient, sondern parasitären Charakter angenommen hat, durch eine demokratische «Revolution von unten» in die Gemeinwohlpflicht genommen werden müsste. Er zitiert den bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der das Verhältnis Finanzindustrie und staatliche Verantwortung mit den Worten: «Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden», charakterisiert hat. (S. 253) Wenn wir die Geldwirtschaft in geordnete Bahnen lenken wollen, empfiehlt der Autor entschieden, dass wir uns an Irving Fisher halten, einen wichtigen Ökonomen der USA, der sich mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren auseinandergesetzt hat. «100%-money», also Vollgeld bzw. nur Notenbankgeld, darf dann von Banken verliehen werden. «Dieser Weg wäre im Euroraum möglich, indem die EZB bei Auslaufen von Anleihen mit eigenem, zinsenfreien Geld einspringt und so zur Entschuldung der Staaten beiträgt, statt den Banken billiges Geld zu geben, das sie dann entweder mit einem hohen Aufschlag weiterverleihen oder zur Überbrückung von Risikoperioden bei der EZB ‹parken›» (S. 256). Es brauche eine starke Bewegung, die eine derartige Neuordnung einfordert, um den Widerstand der selbsternannten Finanzeliten zu brechen.

Auch Parallelwährungen sind sinnvoll

Als erste konkrete Schritte auf dem Weg aus der Krise empfiehlt der Autor die Einführung einer Transaktionssteuer auf den Handel mit Geld, eine allgemeine internationale Kapital­umsatzsteuer, eine Internetabgabe, die Besteuerung der Finanzgrossvermögen und den schon angesprochenen Weltschuldenschnitt. Auf flankierende Massnahmen, die ein sanftes Auslassen der Finanzblase zur Folge hätten und Spielraum für länderspezifische Ergänzungen schüfen wie Parallelwährungen oder Expressgeld und Schwundgeld in der Tradition des Wörgler Modells, geht Heinrich Wohlmeyer in seinem grossen Kapitel über Wege aus der Finanzkrise detailliert ein.

Leistungsdenken und Wertebasis für unsere Jugend vordringlich

Stefan Zapotocky betonte in diesem Zusammenhang, dass er als Vorstandsmitglied der Wiener Börse in den Jahren 2000 bis 2006 mit grossem Unbehagen beobachtet hatte, wie wenig wir von Österreich aus den US-Investmentbanken entgegengesetzt hätten und wie schwach die Bereitschaft war, in den eigenen Wirtschaftsstandort Österreich zu investieren. In dieser Zeit hätten angloamerikanische Fonds 30 Milliarden Euro Ertrag aus unserem Land abgezogen. Auch wies er darauf hin, dass wir über unsere eigenen Verhältnisse gelebt hätten und es ganz zentral darauf ankommen werde, inwieweit wir der Jugend eine richtige Einstellung zu Leistung vermitteln und ihr eine Wertegrundlage mitgeben und ob wir das ganze Gewicht auf Bildung und Ausbildung legen werden. Ein Unternehmen – so Dr. Zapotocky – kann heute nur unter drei Bedingungen langfristig erfolgreich sein: Es braucht Menschen mit einer moralisch integren Wirtschaftsauffassung und muss mit der Region verbunden sein, es muss einem Leistungsdenken verpflichtet sein, das heisst, es muss dem Anspruch höchster Qualität und gleichzeitig grosser Sparsamkeit genügen und schliesslich mit den umweltbedingten Erfordernissen in Einklang stehen.

Naturrecht als Richtschnur

Brigadier Peischel schlug in interessanter Weise eine Brücke zur Militärwissenschaft, indem er auf die Aufgabe der Streitkräfte zum Schutz einer Gesellschaft, die von aussen und innen bedroht ist, Bezug nahm und die Wichtigkeit der Allgemeinbildung in der militärischen Ausbildung betonte. Humanistische Allgemeinbildung, die den mündigen und aufgeklärten Menschen bzw. Offizier im Auge hat, der die Fähigkeit erwirbt, erhaltene Befehle auf ihre naturrechtlich-moralische Fundierung zu prüfen und gegebenenfalls deren Unrechtsgehalt zu durchschauen, sei zentral in der gegenwärtigen Zeit. Er führte aus, dass hier selbst innerhalb des deutschen Sprachraums grosse Unterschiede bestünden, die norddeutsche Militärschule weniger auf ein breites allgemeinbildendes Fächerangebot ausgerichtet sei – bis heute – als die Münchner oder die österreichische Militärakademie. Darüber hinaus wies MMag. Peischel sehr prägnant auf die Problematik des Bruchs von Völkerrecht im Namen der Menschenrechte hin und auf die Gefahr, dass eine Art Gewohnheitsrecht entstehen könne durch solch wiederholten Völkerrechtsverstoss im Namen der Sicherung der zivilen Sicherheit in einem anderen Land. Es laufe auf ein Recht des Stärkeren hinaus, wenn man das Völkerrecht als Grundpfeiler missachte.

Beweislast umkehren

Der Ökonom Prof. Hofreither ging in seinen Wortmeldungen auf die Möglichkeiten der ­Politik bzw. des demokratischen Rechtsstaats in der Konfrontation mit der Finanzmacht ein, eine Frage, die in H. Wohlmeyers Buch ebenfalls thematisiert wird. Dort, wo es nötig sei, müssen Schranken eingezogen werden. Nachdem wir in den 80er Jahren zugelassen hätten, dass die Gesetze, die die Volkswirtschaften schützten, aufgehoben wurden, nachdem wir das Anwachsen einer riesigen Blase zugelassen hätten und auch eine Währungsunion geschehen liessen, die nicht funktionieren kann, vor der viele gewarnt hätten und die uns noch hohe Kosten verursachen werde, wäre es notwendig, die Beweislast umzukehren. Hätten die Investmentbanker ihre «innovativen Produkte» zuerst beim Staat genehmigen lassen müssen, zuerst nachweisen müssen, dass sie gemeinwohlverträglich und -förderlich seien, hätte die Sache anders ausgesehen. Es hätte viele Genehmigungsvorbehalte gegeben. Er verglich den Vorgang mit Genehmigungsverfahren im Pharmabereich, wo auch jedes Produkt einen langen Weg der Prüfung gehen müsse. Der Staat hätte aktiver sein müssen. Er wäre jetzt informierter und müsste nicht den Bankern nachlaufen, die zum Teil selbst nicht mehr wüssten, was passiert ist.

Föderales Europa der Nationalstaaten ist ein hochmodernes Konzept

Die Eigenart Europas ist seine Vielfältigkeit. Die modernen Nationalstaaten sind entstanden, um Rechtsgleichheit aller Bürger eines Landes zu gewährleisten, und sind nicht, wie ständig suggeriert wird, an sich Ursache für Kriegstreiberei, Aufrüstung und Völkermord. Heinrich Wohlmeyer plädiert auch in diesem Sinn für ein föderales Europa der Vater-/Mutterländer und lehnt einen politisch angestrebten «europäischen Zwangsbundesstaat», der nationale Parlamente mit ihrer Finanzhoheit bereits massiv geschwächt hat, entschieden ab. Die Folgen sind bereits sichtbar, wie das Beispiel Österreich und die oben dargestellte Lage der Menschen in dem Land deutlichmachen. Eine Alternative besteht «in der Schaffung eines Staatenbundes in Form einer vertieften EFTA mit einer gemeinsamen, demokratisch legitimierten Rechts- und Friedensordnung. In einer solchen völkerrechtlichen Konstruktion hätten auch die Schweiz mit ihrer hohen Demokratiekultur und Island, das den erfolgreichen Aufstand gegen die Finanzdiktatur vorgezeigt hat, ihren geschätzten Platz.» (S. 241)

Durchdenken der föderalen Struktur und der öffentlichen Dienste nach Schweizer Muster

In seinem dritten grossen Abschnitt «Handeln» widmet sich der Autor den Wegen aus der Krise auf den unterschiedlichsten Ebenen: Vergemeinschaftlichung und Rückkauf öffentlicher Dienste, Erhaltung der Kleingemeinden, Förderung lokaler Genossenschaften, Energie- und Ernährungsplanung u.v.m.

Schweiz als Vorbild für Europa

Ein Gedanke soll hier noch herausgegriffen werden: Die föderale und demokratische Tradition der Schweiz und das verantwortungsbewusste, wache und wertschätzende Leben des Schweizer Bürgers als Vorbild für Eu­ropa. An einem kleinen Beispiel erklärt der Autor, was er meint: Als Schulkind besuchte er nach dem Zweiten Weltkrieg eine Schweizer Sekundarschule. Staatsbürgerkunde war grossgeschrieben. Seine Gasteltern machten ihre Steuererklärung selbst und informierten sich über die Ausgaben, die mit ihren Steuern finanziert wurden auf den Ebenen Gemeinde, Bezirk, Kanton und Bund. Für ihn ist der Kern dieses Modells die bestmögliche Delegation öffentlicher Aufgaben nach unten, gepaart mit einer professionellen Kontrolle von oben, die ihrerseits vom Staatsvolk, also von unten, überwacht wird. «In Österreich hingegen wird den Schulkindern die für sie angeblich zu komplizierte Einführung in das Gemeinwesen ‹erspart›. Auch bei der Steuer ‹erspart› der Lohnsteuerabzug dem Arbeitnehmer die Steuererklärung und damit die Beschäftigung mit öffentlichen Ausgaben. Die meisten Österreicher kennen ihre lokalen Abgeordneten nicht, und diese müssen sich auch nicht regelmässig der Befragung stellen.» (S. 287)
Der Prozess der Gesetzgebung in der Schweiz, mit der Vorphase der Vernehmlassung, der Einbezug von Kantonen und interessierten Kreisen bei der Vorbereitung von Verfassungsänderungen und grösseren Vorhaben bis hin zur ‹referendumssicheren› Vorlage seien vorbildlich zum Beispiel für ein Land wie Österreich. Wir müssten es uns zur Aufgabe machen, die Politik des Bundes durch ein Referendum korrigieren zu können und unsere Demokratie um zentrale direktdemokratische Elemente zu erweitern. Da gebe es für uns und unsere Politiker einiges zu lernen, statt die Schweizer Kleinstaaterei zu verhöhnen.

Keine Demontage der Wehrpflicht und keine Söldnerheere

Entschieden wendet sich der Autor gegen ein Europa, das sich mit Nato und europäischen Battlegroups in Waffen- und Kriegsgeschäfte verwickeln lässt. Ebenso entschieden wendet er sich gegen den Wettbewerb um wirtschaftliche und politische Macht. Er denkt an ein «Europa, das ein wenig – wie die Schweizer nach der verlorenen Schlacht bei Marignano (1515) – beschliesst, stille zu sitzen und sich nicht mehr in die internationalen Händel einzumengen, sondern sich auf die eigene Entwicklung zu konzentrieren.» (S. 323)
Tagespolitisch hochaktuell – am 20. Jänner wird über die Frage Wehrpflicht oder Berufsheer in Österreich abgestimmt – wendet sich Wohlmeyer dezidiert gegen das Demontieren der Milizheere und das flächendeckende Aufziehen von  Berufsarmeen. Söldner wollen ihren Lohn und arbeiten dafür und werden ohne grössere moralische Hemmungen für fremde Interessen im In- und Ausland einsetzbar sein. Dagegen werden über das Milizsystem vielfältige Berufserfahrungen für das Gemeinwohl nutzbar gemacht und der soziale Integrationseffekt eines guten allgemeinen Wehrdienstes kann nicht hoch genug bewertet werden (vgl. S. 326).

Informationsaskese für das Erkennen wesentlicher Zusammenhänge

Es geht in dem Buch «Empörung in Eu­ropa – Wege aus der Krise» um konkrete Perspektiven und Möglichkeiten für den Einzelnen, sanft aber entschieden gegen die gegenwärtigen zerstörerischen geistigen und gesellschaftlichen Entwicklungen aufzustehen und Wege aus der Krise zu gehen. Das Buch ist auch ein Gegenmittel gegen die ständige Indoktrination, die besagt, dass es zur derzeitigen Lage und zu politischen Entscheidungen keine Alternative gebe. Jeder kann etwas tun, auch wenn die Bedingungen manchmal nicht einfach sind. Die moderne Infotainment-, Event- und Werbekultur will uns mit oberflächlichem Wissen zudecken. Wohlmeyer spricht in diesem Zusammenhang von einer «notwendigen Informationsaskese, um sich für das Erkennen der wesentlichen Zusammenhänge freizuspielen», indem man zum Beispiel ‹schwierige Bücher› liest, denn: «Wissen ist eine Holschuld».
Wir Mitbürger sind direkt angesprochen: «Wer die Zeitläufe offenen Auges ins Visier nimmt und nicht wie ‹Biedermann und die Brandstifter› verdrängend handelt, muss auf mehreren Ebenen höchste Alarmstufe ausrufen. (…) Jeder von uns ist zur Mitwirkung an der not-wendenden Kurskorrektur verpflichtet, wenn er nicht verantwortungslos und zukunftskriminell handeln will.» (S. 21)

Vielen Dank an Heinrich Wohlmeyer für die zahlreichen tiefgehenden Gedankenanstösse und Anregungen in seinem Buch.    •
Heinrich Wohlmeyer: Empörung in Europa – Wege aus der Krise
Konfuzius soll gesagt haben: Wer seine Lage erkannt hat, wie soll er aufzuhalten sein?!
Dieses «Überlebensbuch» gibt die «not-wendende» Orientierung zum Erkennen der Lage und zum Bewältigen der gesamtgesellschaftlichen Krise.
Es adressiert nicht nur die drängenden aktuellen Finanz- und Beschäftigungskrisen, sondern auch die im Hintergrund stehenden, meist unbeachteten zerstörerischen Denkschulen und Praktiken im Bildungswesen, in der Wirtschaft und im Alltagsverhalten.
Wer ernsthaft Orientierung und Auswege sucht, sollte zu diesem Buch greifen.
Die übersichtliche Gliederung und die Geschlossenheit der einzelnen Abschnitte ermöglichen nicht nur das rasche Auffinden, sondern auch das getrennte Lesen der wesentlichen Bereiche.
Empörung allein genügt nicht. Ihr muss konsequentes und konstruktives Handeln folgen. Das Wissen hierzu ist eine «Holschuld» – dieses Buch macht das «Holen» zumutbar.
Wohlmeyer schrieb in seinem Bestseller 2006 vor der Finanzkrise: «Es kommt die Zeit, wo jeder Vogel-Strauss seinen Kopf aus dem Sand ziehen muss, wenn ihn die Realität beim Kragen packt – und dies ist nun weltweit der Fall.»
Weil die politischen Entscheidungsträger den dringend empfohlenen Befreiungsschlag nicht wagen, hat er sich zu dieser Handlungsanleitung für einen gewaltfreien, aber mutigen und konstruktiven Aufstand der Bürger/innen entschlossen.
Er geht wieder nach dem bewährten Sachverständigenmuster SEHEN – URTEILEN – HANDELN vor; also nicht nur wahrnehmen und beklagen, sondern sachentsprechend anpacken.
Er benennt gerafft die gegenwärtigen monströsen gesellschaftlichen Entwicklungen, ihre Hintergründe und die dramatischen Folgen:
Wie werden wir geistig und materiell manipuliert und irregeführt – bis hin zur Gestaltung des Bildungssystems? Wie funktioniert die moderne Finanzsklaverei, der «Neofeudalismus»? Wie wurde der perfide Angriff auf den Euro organisiert? Sind Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse und Zukunftsangst ein unvermeidliches Schicksal? Müssen wir uns zu Tode sparen?
Im Abschnitt III werden die konkreten Auswege aufgezeigt: am Gemeinwohl orientierte Reform des Finanzsystems und faire Regeln im Welthandel. Vor diesem Hintergrund Sanierung der notleidenden öffentlichen Haushalte. Genügend Mittel für Bildung, Kultur, öffentliche Dienste und die sozialen Netze sind erschliessbar. Arbeit für alle und Zukunftssicherheit sind möglich.
Die Vision «zukunftsfähiges Europa» – nicht als Weltmacht, sondern als ausstrahlendes Vorbild für eine glückhaft-friedliche Weltgestaltung – ist keine Utopie, wenn wir uns von der «tödlichen Verfangenheit im gegenwärtigen System» lösen, den Befreiungsschlag wagen und die Neugestaltung anpacken.
Der bekannte Karikaturist Markus Szyszkowitz bringt komplizierte Zusammenhänge bildlich auf den Punkt.
Heinrich Wohlmeyer, Gen. Dir. a. D., Hon. Prof., Dipl.-Ing. rer. nat., Dr. iur., Dipl. in Law, geboren 1936 in St. Pölten, studierte in Wien, London und den USA. Er war erfolgreich in Industrie- und Regionalentwicklung tätig und ist einer der wenigen Manager, die wegen ihres sozialen Engagements mit der Goldenen Arbeiterkammermedaille ausgezeichnet wurden. Er stand an der Wiege der Nachhaltigkeitskonzepte, entwarf das erste «Grüne Energieprogramm» für Österreich und thematisierte die Rückkehr von der Petrochemie zur kreislauforientierten Naturstoffchemie. Hierzu baute er die Österreichische Vereinigung für Agrar- und lebenswissenschaftliche Forschung und die Österreichische Gesellschaft für Biotechnologie auf. Er lehrte an der Technischen Universität Wien Kreislauforientierte Verfahrenssysteme und ist Honorarprofessor für Ressourcenökonomie und Umweltmanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien.
Die beinahe widerspruchlos hingenommenen zerstörerischen internationalen Sachzwänge führten ihn zur Hinterfragung der Finanz- und Handelsordnung. Er initiierte die österreichische Ausgleichsabgabengesetzgebung, schrieb zahlreiche handelspolitische Artikel und verfasste insbesondere die Bücher The WTO, Agriculture and Sustainable Development, 2002, und Globales Schafe Scheren – Gegen die Politik des Niedergangs, 2006. In letzerem sagte er die Finanzkrise 2008 voraus und forderte eine vorsorgende Politik ein. Die bisherige «Beratungsresistenz» der Entscheidungsträger im Angesicht der monströsen Entwicklungen (insbesondere Eurokrise, Jugendarbeitslosigkeiten von 50%, unfinanzierbare Gemeinwesen und zunehmende Zerstörung der Lebensgrundlagen) veranlassten ihn, mit diesem «Aufstandsbuch» die zu beschreitenden Wege aus der Krise den Politikern und Bürgern ins «Überlebensstammbuch» zu schreiben.
Quelle: Verlagsmitteilung
Heinrich Wohlmeyer: Empörung in Europa – Wege aus der Krise. Wien 2012, ISBN 978-3-85052-320-2.
Ibera / European University Press

Quelle: Zeit-Fragen 1/2 v. 7. Jänner 2013

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