01.07.14

Der Absturz wird kommen

 
Peter Sloterdijk skizziert in „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ einen Bruch in der Menschheitsgeschichte. An diesem Hiatus gibt er der Politik die Schuld. Sie reagiert nur und lässt Konzerne wie Facebook und Google gewähren. Der Mensch befindet sich im Taumel.
Vorsichtig nähert sich der Autor dem Hiatus. Das ist der Bruch, der in 2500 Jahren Menschheitsgeschichte immer wieder eingetreten ist und der unwiederbringlich wieder ansteht. Peter Sloterdijk, 67, Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, deutet die Weltlage in „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ ausgesprochen pessimistisch.

Bruch mit den Werten

Die Ursachen sind klar: Die Politik, die nicht mehr agiert, sondern nur noch als zager Konfliktlöser auf Umstände, die sie nicht oder zu spät mitbekommt, reagiert. Ein Staatswesen, das sich als „Schuldenumwälzanlage“ zeigt, indem es das renditegeile Bankenwesen rettet. Dazu ein entfesseltes Individuum im „Sturz nach vorn“ (Nietzsche), das von den Internetgöttern Facebook und Google kontrolliert und gesteuert wird und damit in eine gefährliche Abhängigkeit navigiert und moralisch aus allen bisher gültigen und verbindlichen Pflichten heraussprengt, um eine scheinbare Freiheit zu erlangen. Das ist der Bruch mit den Werten. „Im Weltprozess nach dem Hiatus werden ständig mehr Energien freigesetzt, die unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung gebunden werden können.“
Soll heißen: Unsere Epoche hat sich erschöpft, sie handelt nicht mehr sinnvoll und souverän, sondern getrieben. Wir befinden uns im Chaos der Lebenswelten. Der traditionsentwurzelte Mensch wird vorangepeitscht von Verheißungen ohne jede reale Bindung. Er lässt sich von Reisemultis zum Schnäppchenpreis in Regionen der Welt jagen, die als exotisch gelten, es aber nicht (mehr) sind. Er glaubt, dass sein erotisches Begehren im Supermarkt der Flirtportale und der sozialen Robotik Erfüllung findet. Er gibt die Probleme der Epoche an kommende Generationen weiter, statt sie heute und hier anzugehen. Die in der Neuzeit eingesetzte und in der Moderne vollendete Freisetzung des Individuums hat dasselbe in einen Strudel widersprüchlicher Stimmungen versetzt, in einen Lebenstaumel. Das alles wird betrachtet aus einer Perspektive des „elastischen Konservatismus“, zu dem Sloterdijk sich bekennt.

Kontinuität ist verloren

Der Autor spitzt gern zu, legt Widersprüche offen und wagt denkerische Visionen. Seine These: Herkunft und Zukunft sind restlos auseinandergefallen. Eine Kultur überlebt aber nur, wenn sie sich erfolgreich wiederholt und damit bewahrt bleibt. Das Überkommene ist wichtiger als das Neue, Aktuelle und Flüchtige. Sloterdijk spürt bis „in sämtliche Nervenenden, wie sehr das Zukünftige sich von der Deckung durch Herkunftsbestände losgemacht hat“. Was einst von der Mutter auf die Tochter, vom Vater auf den Sohn überging, ist dahin. Der moderne Mensch lebt in keiner Kontinuität mehr, alles verfließt und zerfasert, es wird nicht mehr gegründet und beständig gehalten für die Nachfahren. Es gilt nur das Jetzt, was eine Loslösung von der bis in die Antike und die christliche Religion zurückreichende Vorstellung vom Urprinzip alles Seienden zur Folge hat. „Filiation“ heißt das bei Sloterdijk: „die förmliche Übergabe des Bestandes an Vermögens- und Statuswerten an gezeugte und adoptierte Nachfolger“. Das geschieht nicht mehr, das ist der Hiatus, der Bruch.

Sloterdijk provoziert

An Sokrates und Jesus von Nazareth, dem heiligen Franziskus über die Borgias und andere Gestalten der Renaissance bis zu Napoleon, Lenin und Himmler führt der Autor vor, dass diese Gestalten die Welt veränderten, nicht immer zum Besseren. Die „schrecklichen Kinder der Neuzeit“ wollen es ihnen nachtun, sind aber nur kopierte Figuren. Der Absturz, davon ist der Philosoph überzeugt, wird kommen. Peter Sloterdijk provoziert mit einer beherzten Kulturkritik.

Peter Sloterdijk: „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit.“ Suhrkamp, Berlin, 489 S., 26,95 €.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Für meinen Geschmack wühlt der Autor wieder zu sehr in der Mottenkiste der Vergangenheiten. Wie so oft bei Sloterdijks dicken Bänden reicht es, die ersten und letzten ca. 50 Seiten zu lesen. Alles dazwischen ist ersonnenes Geplänkel. Nervig auch der vermehrte Rückgriff auf primitives, religiöses Brimborium. Inzwischen wirken Sloterdijks Intentionen wie Philosophie für Grossväter und -mütter, mit der zeitgenössische Individuen wohl wenig anfangen können. Ich finde es bedenklich, all die alten Mythen derart weitschweifig zu bemühen, die weder Computer und Internet, noch andere neue Medien je kannten und eher verkürzte Holzhammerphilosophie betrieben. Vielleicht ist nämlich alles viel komplexer, tiefer, breiter, als es einzelne Gehirne früher zurechtgebüschelt haben. In 5000 Jahren wissen wir evtl. mehr, falls wir dann noch existieren...Eher ein überflüssiges Buch zur heutigen Zeit. (Paul Linder, Bern)