07.05.14

Ukraine

Sent: Friday, May 02, 2014 9:50 AM
Subject: Außenpolitik

Sehr geehrter Herr Bundesminister Kurz!
Da ich annehme, dass Sie in wichtigen Fragen im Einvernehmen mit der gesamten Bundesregierung handeln, bringe ich diesen Brief auch vier weiteren Regierungsmitgliedern zur Kenntnis.
Ich habe mit Bestürzung gelesen, dass Sie abermals in Kiew de facto für die Putschregierung Partei ergriffen haben, statt gleichzeitig auch in Moskau anzuklopfen.
Wer die Genese des Regimewechsels und die Geschichte der Ostukraine kennt, der muss mit weiland Bruno Kreisky sagen: Lernen Sie Geschichte junger Mann!" Eine Lehrstunde beim Schweizer Zeithistoriker Daniele Ganser wäre ebenso angebracht.
Die Ostsukraine und die Krim wurden von den Russen hart erkämpft und verteidigt. Die Angliederung an die Ukraine im Jahre 1954 erfolgte aus dem taktischen Kalkül eine Auswiegung gegenüber dem eher russlandfeindlichen Westen zu erzielen. Damals dachte niemand an das Auseinanderbrechen der SU.
Die Russen haben sich bislang sehr zahm verhalten, obwohl der "Westen" (= USA-NATO-EU) bislang alle Versprechungen gebrochen hat.
Mit dem Versuch der vollständigen Einkreisung Russlands über den Putsch in der Ukraine wurde aber die 'rote Linie' überschritten, zumal es auch um das Abschneiden der Schwarzmehrflotte ging.
Die Regie lief zeitlich ähnlich wie in Georgien (Angriff zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele in Peking).
Nun gibt es in der verfahrenen Situation nur mehr die Chance, des ehrlichen Kompromisses - wie ich Ihnen schon geschrieben habe:
a) Immerwährende international garantierte Neutralität der Ukraine.
b) Föderale Struktur der Ukraine mit weitgehender Autonomie des Ostens, wobei die neutrale Schweiz Beratung
    und Hilfestellung geben sollte.
c) Rückgabe der Krim an Russland. Diese war immer auch emotional russisches Kernland. Die de-facto-Aufgabe von
    Kiew ist bereits ein fast unzumutbarer, emotionaler  Verzicht.
   
Denken sie an Das große Tor von Kiew von Modest Petrowitsch Mussorgski ...
Europa müsste sich endlich zu einer immerwährenden, bewaffneten Neutralität bekennen und die finanzielle, handelspolitische und militärische de-facto-Sklaverei abschütteln, wenn wir in der geänderten Welt eine geachtete und friedvolle Position einnehmen wollen. Hinzu kommt noch das vermeidbare Risiko in einen Dritten Weltkrieg hineingezogen und weiter finanziell geplündert zu werden.
Lesen Sie hierzu auch die aktualisierte Ausgabe meines 'Aufweckbuches' Empörung in Europa - Wege aus der Krise (IBERA -European University Press), insbesondere die letzten Seiten.
Es kommt aber noch ein Aspekt hinzu: In unglaublicher geopolitische Blindheit vergrämen die USA (und die NATO-Adepten) die Russen, deren Solidarität wir alle im Angesicht der militärischen und wirtschaftlichen Expansionspolitik der Chinesen brauchen.


Lesen Sie hierzu das Buch Der große Beutezug - Chinas stille Armee erobert den Westen, Hanser, München 2014 (China's Silent Army, The Pioneers, Traders, Fixers und Workers who are remaking the World in Beijing's Image, Allen Lane, London 2013). Dazu kommt noch die gewaltige mit unserer handelspolitischen Dummheit finanzierte Aufrüstung Chinas. Wir sollten daher den USA auch in ihrem eigenen Interesse eine Kurskorrektur abringen. Die Zeit ist reif hierzu und auch ein kleiner Staat  kann etwas bewirken.
Machen Sie vielleicht auch noch ein Gedankenexperiment:
Russland - personifiziert mit Putin - macht Drohnenangriffe auf irdenwelche Dörfer, wo es Gegner vermutet, oder hätte auf diese Weise in seiner unmittelbaren Nachbarschaft gegen die in der in der Ukraine angezettelte Revolution interveniert.
Die 'Welt' wäre außer Rand und Band: Mörder, Verletzer des Völkerrechtes und der Menschenrechte; Strafintervention erforderlich etc.. Und wenn dies die USA tun und damit alle Glaubwürdigkeit des traditionellen Völkerrechtes und der Achtung der Menschenrechte untergraben, ist dies legitime 'Selbstverteidigung und Intervention für humanitäre Zwecke' ...
Hierzu mögen Sie auch den US-Bürger Paul Craig Roberts anhören (lesen): http://www.antikrieg.com/aktuell/2013_09_10_zuviele.htm
Beste besorgte Grüße
Ihr Heinrich Wohlmeyer
KR ÖR Hon. Prof. DI. Dr. Heinrich Wohlmeyer
3180 Lilienfeld
Tel./Fax 0043 / 2762 / 53 173
E-mail: h.wohlmeyer@aon.at

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