Der Einbruch der Finanzkrise ab 2008 hat die meisten
Menschen überrascht. Und noch heute ist die Bedeutung dieser Krise in
den meisten Köpfen nicht angekommen.
Dabei haben etwa 50 Experten in
meinem Institut schon 2002 die Untersuchung «Was passiert, wenn der
Crash kommt?» herausgebracht, ein Buch, welches die herrschenden Kreise
der Banker, Politiker, Journalisten und auch leider meine
wissenschaftlichen Kollegen damals verlacht und als unsinnig abgetan
haben. Inzwischen wird aber immer mehr Wirklichkeit, was wir analysiert
haben:
1. Die derzeitige Finanzkrise war nicht nur voraussehbar,
sondern geradezu zwangsläufig, weil sich auf einer nur vervierfachenden
Realwirtschaft in den letzten 30 Jahren die Dollarmenge mehr als
vervierzigfacht hat, also eine riesige ungedeckte Finanzblase aus
überschüssig gedrucktem Geld, überbewerteten Anlagen, leichtsinnigen
Krediten und sogar kriminellen Zockerfinanzprodukten aufgebaut hat. Dass
dies möglich wurde, liegt daran, dass die Federal Reserve Bank eine
private Bank ist mit Notenausgaberecht, sie also als Goldesel wie im
Märchen von den Eigentümern zu hemmungsloser Geldvermehrung missbraucht
werden konnte. Dieses Geld wurde dann unter dem Schlagwort der
Globalisierung in die ganze Welt gepumpt, weil die FED-Eigentümer damit
die Sachwerte der Welt aufgekauft, die Staaten alimentiert, Kriege
geführt, ganze Marktsegmente, vor allem bei Rohstoffen und
Industriesektoren, zusammengekauft und auch die ausländischen
Zentralbanken gezwungen haben, ihre Währungsreserven in faulen Dollars
anzulegen.
So hat die Dollarschwemme zwei Jahrzehnte eine
Scheinblüte in die ganze Welt gebracht. Man konnte schneller durch
Spekulation als durch Arbeit reich werden. Immer grössere
Bevölkerungskreise beteiligten sich an immer windigeren Finanzprodukten,
so dass die Börsenkurse ständig stiegen, Tausende von faulen Fonds
reissenden Absatz ihrer Zertifikate fanden und die Banken immer
gewagtere Anlagegeschäfte bis zum Achthundertfachen ihres Eigenkapitals
betrieben.
Der Zusammenbruch dieser Finanzorgie war nur eine Frage
der Zeit. Wer dies aber behauptete, wurde verlacht, verleumdet,
diskriminiert. Unser erst verlachtes Crash-Buch wurde jetzt zum
Bestseller.
Die Finanzorgie hat in den USA begonnen und auch der
Zusammenbruch. Als die bis zu 120% der Kaufpreise finanzierten
Immobilien nicht mehr absetzbar waren, ihre Preise und Beleihungswerte
sogar fielen, kam es zur ersten Hypothekenkrise, die sich in einer
Kreditkartenkrise in den USA fortsetzte. Konsumenten konnten nämlich bis
zu zwanzig Kreditkarten mit jeweils bis 2000 Dollar überziehen. Solche
Kredite mit fast 90 Milliarden Dollar sind dann ebenfalls mit
Höchstbonität der eigenen Rating-Agenturen in die ganze Welt verkauft
worden. Immer noch steht jetzt die zehnfach so grosse Derivatekrise an,
der Zusammenbruch von kreditfinanzierten Wetten und
Heuschreckengeschäften, mit denen gewissenlose Zockerbanken die Welt
überschwemmt haben. Die Kreditkrise ist damit systematisch globalisiert,
zur Weltfinanzkrise ausgeweitet worden.
2. Das Schrumpfen einer
ungedeckten Geldblase wäre Deflation. Die durch ungedeckte
Finanzprodukte und Finanzspekulationen übermässig ausgedehnte Geldmenge
muss wieder vermindert werden, damit Geldstrom und Güterstrom wieder ins
Gleichgewicht kommen.
Ebenso wie die Expansion der Geldmenge eine
Scheinblüte verursacht hat, würde aber auch eine Geldmengenverminderung
(Deflation) als Krise für die Realwirtschaft wirken:
• Ein Zusammenbruch von Banken, Krediten und Bankenanlagen würde auch bei den Unternehmen zur Kreditkrise führen.
•
Wo Unternehmen keine Kredite mehr bekommen oder sogar gekündigt
wurden, kommt es zu Liquiditätsschwierigkeiten, wird nicht mehr
investiert, sondern umgekehrt desinvestiert.
• Die Kapazitäten der
Betriebe werden zurückgefahren, nicht nur sachlich, sondern auch
personell. Es kommt zu Firmenzusammenbrüchen und Entlassungen, Aufträge
schwinden und die Preise sinken. Die am meisten verschuldeten
Unternehmen müssen zuerst aufgeben. Die Löhne sinken, die
Arbeitslosigkeit steigt.
In der ersten Weltwirtschaftskrise der
Zwanziger Jahre haben fast ein Drittel aller Betriebe aufgeben müssen,
sind die Löhne um etwa ein Viertel im Durchschnitt gesunken und hatten
wir in allen Industriestaaten Massenarbeitslosigkeit. Hiermit müssen wir
nun wieder rechnen.
3. Deflation und Realkrise werden von den
dadurch überraschten Politikern, von der Wirtschaft und von
Gewerkschaften als Katastrophe empfunden. Tatsächlich wirkt sich eine
Finanzkrise nicht nur auf die Realwirtschaft aus, sondern wirkt auch
weiter in die Staatsfinanzen:
Sinkende Umsätze und sinkende Gewinne
und sinkende Beschäftigung lassen die Steuern und Sozialabgaben sinken,
so dass auch die Staaten in Finanznot und die Sozialkassen sogar in
Existenznot geraten, zumal bei ihnen nicht nur sinkende Einnahmen,
sondern auch steigende Ausgaben anfallen.
Deshalb hat der
amerikanische Finanzminister Paulson – vormals Chef der grössten
amerikanischen Zockerbank Goldman Sachs und damit Hauptverantwortlicher
für die Produktion des Finanz-Giftmülls – nach dem Zusammenbruch der
ersten Zockerbank sofort die deflatorische Geldmengenverminderung durch
staatliche Geldflutung aufzuhalten versucht, um die Verluste seiner
Bankstergenossen auf den Staat, also auf alle Steuerbürger zu verlagern.
Auf amerikanischen Druck haben dann auch die Satellitenregierungen den
gleichen Fehler nachmachen und sich ebenfalls bis an den Kragen
verbürgen müssen. Die Bankenkrise wurde dadurch nicht nur in den USA,
sondern auch in anderen Staaten zur Staatsfinanzkrise. Schon jetzt
zeichnet sich ab, dass die Finanzindustrie den Währungen nicht mehr
glaubt, aus der Liquidität flüchtet und mit einer Inflation und
anschliessenden Währungsreform rechnet. Die Finanzkrise musste sich nach
der Realkrise also auch zu Staatskrisen auswirken, die wir in unserem
Buch beschrieben haben.
4. Realkrise und Staatskrise führen immer auch zur Sozialkrise, zur Krise in unserer Gesellschaft.
Das gilt einmal für die soziale Existenz vieler Menschen:
•
Ein Teil des Mittelstandes wird in einer Realkrise verarmen, weil er
in verdampfende Finanzanlagen statt in Sachwerte investiert hat, weil er
sich zu stark verschuldet hat oder weil er als Unternehmer
Defensivstrategien eines zurückgehenden Marktes nicht beherrscht. Durch
Schrumpfen des Mittelstandes entsteht dann wieder eine duale
Gesellschaft von Oberschicht und Unterschicht. Und wenn der Mittelstand
nicht mehr stark genug ist, die Freiheitssysteme von Demokratie und
Marktwirtschaft zu tragen, werden auch diese Systeme in eine Krise
geraten, denn die Oberschicht will Machtwirtschaft mit zentraler Macht
und die Unterschicht nicht Freiheit und Selbstverantwortung, sondern
Sicherheit und Führung. Es wird spannend sein, ob und in welchem Masse
wir unsere Demokratie durch die Krise retten. Zumindest ist zu erwarten,
dass die zurzeit herrschenden Politiker und Parteien für die Krise
verantwortlich gemacht und sie nicht überstehen werden.
• Vor
allem für die Unterschichten sind Real- und Staatskrise katastrophal.
Massenarbeitslosigkeit und Zahlungsunfähigkeit der Sozialsysteme werden
eine Proletarisierung gerade der unteren Bevölkerungsschichten mit sich
bringen. Und was die 11 Millionen (von 16 Millionen) von unserem
Sozialsystem lebenden Immigranten tun werden, wenn ihnen die
Sozialleistungen (auf die sie inzwischen Anrecht zu haben glauben) nicht
mehr gezahlt werden können, kann man sich leicht vorstellen. Und wie
werden die Rentner reagieren, wenn ihre Renten entweder real gesenkt
oder durch Inflation entwertet, sie also ärmer werden? Zu lange haben
Politiker und Medien den Menschen in unserem Land allgemeine Üppigkeit
und Wohlstand ohne Arbeit versprochen, sie über Korrekturnotwendigkeiten
nicht aufgeklärt und sie sogar mit Renten- und Sozialsicherheit
belogen; – die Menschen werden von den auf sie zukommenden Folgen
überrascht sein und könnten deshalb auch anders reagieren, als die
Verführer erwarten.
Jedenfalls bricht in dieser Krise nicht nur die
Scheinblüte, sondern auch die Scheinsicherheit zusammen, aus welchen die
Menschen ihren Lebenssinn und ihre Existenz bisher gesichert glaubten:
– Die Spareinlagen und das angesammelte Kapital verflüchtigen sich,
– die Einkommen werden flächendeckend real sinken,
– die gesetzlichen Renten werden reduziert oder durch Inflation auf eine Mindestversorgung reduziert werden müssen,
–
und die Sozialleistungen werden drastisch korrigiert. Sozialleistungen
ohne Arbeit und lebenslangen Sozialbezug wird es wohl künftig nicht
mehr geben.
Die Mehrheit unserer Bevölkerung wird sich also im
Verlauf der Krisenstufen vom Wohlstand verabschieden müssen und bitter
erkennen, dass ihr bisheriges Lebensziel des materiellen Wohlstandes
zusammengebrochen ist, sie also ihr bisheriges Leben für ein
schwindendes Phantom eingesetzt haben.
5. Wir haben gerade als
Senioren diese Wirtschaftskrise als eine über unser Eigeninteresse
hinausgehende Herausforderung anzunehmen, welche ebenso mit unserem
persönlichen Lebenssinn wie mit den Zielvorstellungen unserer
Gesellschaft zu tun hat: Wir gehören nämlich noch zur Generation derer,
die erlebt haben, wie nach dem Krieg zerplatzte Ideale die Menschen
ratlos suchend nach neuen Lebenszielen hinterlassen haben. Damals hatten
wir einen ungeheuren Aufbruch von Frömmigkeit, Suche nach christlichem
Leben.
Die Amerikaner haben uns jedoch durch die von ihnen
beherrschten Medien beigebracht, dass nicht mehr idealistische Ziele
angesagt sind, sondern unser Leben der Erzielung von Wohlstand und
materiellen Gütern dienen müsse. Unsere Eliten sind dann aus ideellen
geisteswissenschaftlichen in wirtschaftswissenschaftliche und technische
Disziplinen gewandert und haben das Wirtschaftswunder aufgebaut.
Zu
lange haben wir jedoch an den Wohlstand als Lebensziel geglaubt, auch
als wir über den echten Wohlstand hinaus zunehmend Scheinwohlstand
erreicht hatten. Dieses Lebensziel des Erreichens materieller Güter
bricht nun in der Krise für viele zusammen. Die Menschen werden
zunehmend feststellen, dass sie mit leeren Händen dastehen, also wohl
einem falschen Götzen nachgejagt sind. Sie werden wie nach 1945 nach
einem neuen, für ein anderes Leben tragfähigen Sinn und Lebensziel
suchen. Keine Gesellschaft kann nämlich ohne gemeinsame
Zielvorstellungen zusammenhalten. Wenn die alten Visionen sich als
Trugschluss erwiesen haben, braucht man neue, um nicht nur den Sinn des
eigenen Lebens zu finden, sondern auch, um die Gesellschaft unter
gemeinsamen Zielvorstellungen zusammenzuhalten und zu entwickeln.
Wo liegt nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der neue Lebenssinn für uns selbst und für unsere Gesellschaft?
Wir
wissen dies noch nicht. 98 Prozent unserer Menschen sehen aber auch die
Notwendigkeit eines neuen Lebensziels noch nicht, weil die Krise mit
dem Zusammenbruch der alten materiellen Werte noch nicht in ihre Köpfe
gedrungen ist. Neue Ideen kommen aber ohnehin immer nur aus kleinen
Eliten. Wir stehen also vor zwei entscheidenden Fragen:
• In welcher Richtung müssen wir neue tragfähige Lebensziele für uns und unsere Gesellschaft suchen?
• Und aus welchen Elitegruppen können wir die Entwicklung solcher neuen Leitideen erwarten?
Wenn
man die verschiedenen Epochen der Geschichte nach ihren Leitideen
untersucht, wird man feststellen, dass es immer einen Wechsel zwischen
materiellen und immateriellen (idealistischen oder religiösen)
Dominanzideen gegeben hat. Das Glück der Menschen ist sogar häufiger
immateriell als materiell gesucht worden. Denken wir an Gotik,
Reformation, Klassik, Romantik oder auch an die verschiedenen
sozialistischen Ideologien. Alle haben das Glück der Menschen in der
Verwirklichung religiöser oder ideeller statt materieller Ziele gesehen.
Unstreitig können nämlich Menschen auch glücklich sein im Glauben, in
ihrer Idee, in der Verwirklichung persönlicher Ziele wie Familie oder
anderer nicht materieller Ziele.
Zeigt sich also nun, wie trügerisch
und vergänglich materielle Lebensziele geworden sind, wird die nächste
Leitidee voraussichtlich wieder in ideellen, religiösen oder humanitären
Lebenszielen gesucht werden. Wer nun in der Lage ist, diese neuen
Visionen zu formulieren, wird unserer Gesellschaft nach dem
Zusammenbruch des Materialismus neuen Lebenssinn aufzeigen können und
damit die Menschen zu einem neuen Anfang begeistern. Unsere Aufgabe ist
also, neue, nicht materialistische Leitideen zu erkennen, welche den
Menschen ein Glück auch ohne Wohlstand bieten können.
Wenn man
überlegt, wer solche neuen Leitideen entwickeln könnte, wird man die
grössten Weltmächte abschreiben können: Die USA, weil sie in dieser
Krise implodieren, ihr Weltreich verlieren werden und als Exportland des
Materialismus schwerer getroffen sein werden als andere Länder. Und
China steht erst im Anfang des Materialismus, ohne dass sich dort
ideeller Wandel zeigen würde. Ich vermute deshalb, dass auch jetzt neue
ideelle Leitideen vor allem aus den klassischen Kulturräumen Europa und
Indien kommen können. Aus Europa vor allem deshalb, weil es trotz aller
Globalisierungs- und Zentralisierungstendenzen immer noch eine
einzigartige kulturelle Vielfalt und Tradition hat.
Wo aber sind in
Europa die geistigen Eliten, welche über neue Leitideen, über ideelles
Glück der Menschen und über tragfähige Ideen nachdenken?
Früher
kamen tragfähige Leitideen für unser christliches Abendland aus den
christlichen Kirchen. Ich zweifle, ob diese heute noch die Kraft zu
einer neuen Reformation haben.
Im Feudalismus kamen neue Ideen und
neue Werte überwiegend aus der Oberschicht des Adels. Auch dieser aber
hat nicht nur seine Funktion, sondern auch seine Kraft und Bedeutung
verloren.
Bleibt der Mittelstand, insbesondere der kulturelle
Mittelstand. Ihm verdanken wir die grossen Ideen der letzten 200 Jahre.
Denken Sie nur daran, was die Pfarrhäuser für unsere Kulturgeschichte,
für Literatur, Philosophie und Wissenschaft bedeutet haben. Ich sehe als
Mittelstandsforscher nach den grossen Leistungen des wirtschaftlichen
Mittelstandes – der Unternehmer – in den vergangenen 50 Jahren nun die
Zeit des kulturellen Mittelstandes – der Wissenschaftler, der Pädagogen,
Künstler oder Schriftsteller – wiederkommen. Sie scheinen von allen
Bevölkerungsgruppen neuen ideellen Leitideen am nächsten. Dafür wäre
allerdings Voraussetzung, dass sich unser kultureller Mittelstand in
Europa von der Führung und Manipulation der noch materialistisch
orientierten globalen Medienherrschaft löst und wieder geistig tiefer zu
den Wurzeln unserer nationalen Bildung und Ideen gräbt. Hier liegt die
Aufgabe der Besten unseres Volkes, aus der Wirtschaftskrise den
geistigen Aufstieg und aus dem Materialismus neue ideelle Sinnziele für
die Menschen zu suchen.
Alle grossen Ideen sind in kleinen Zirkeln
entwickelt worden. Ideelle Zirkel haben vor 150 Jahren die grössten
Leistungen für Ideen von Freiheit, Volk und Demokratie zur Überwindung
des Feudalismus geleistet. Warum sollten nicht solche ideellen Gruppen
heute wieder zur Keimzelle einer ideellen Erneuerung werden? Jedenfalls
wäre es des Schweisses aller Edlen wert, eine solche Aufgabe anzugehen,
sich unter einer solchen Aufgabe zu sammeln, das grosse Netzwerk aller
Idealisten für diese Aufgabe zu nutzen und in der Suche nach der neuen
Leitidee und dem Ziel des Glückes für unsere Menschen auch eine eigene
neue Rolle zu gewinnen.
Lassen Sie uns in diesem Sinne die Krise als
Chance begreifen. Vieles geht unter. Daraus wird aber Neues entstehen.
An diesem Neuen müssen wir beteiligt sein, können vielleicht sogar
entscheidende Impulse geben.
Schön wäre es, wenn dann gegen Ende der
Krise ein neuer ideeller und kultureller Wiederaufschwung von uns
mitentwickelt werden und wir mit neuen tragfähigen Leitideen zu wieder
neuem Glück der Menschen beitragen könnten. •
Quelle: Zeit-Fragen Nr. 14 vom 8. April